Eine einfache Entscheidung
 

Eine einfache Entscheidung

Editorial von Sebastian Loudon.

Jetzt hat Alexander Wrabetz einmal wirklich Glück. Der ORF-General kann die Position des TV Chefredakteurs schnell, kompetent und – vor allem – zur Zufriedenheit von Politik und Redakteursversammlung besetzen. Letzteres allein ist eine Rarität. Die Position war vakant geworden, nachdem Karl Amon die Hörfunkdirektion übernahm. Sein bisheriger Stellvertreter Stefan Ströbitzer wurde allerorts als logischer Nachfolger gehandelt, allein er durfte nicht.

Kolportiert wurde damals, dass die SPÖ-Taskforce für Politik im und um den ORF, bestehend aus Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas und dem Chef des SPÖ-Freundeskreises im Stiftungsrat, Nikolaus Pelinka, einen TV-Chefredakteur Ströbitzer nicht zulassen würde und diese Personalie dazu nutzen würde, der SPÖ-Führung zu beweisen, dass sie den ORF ja doch im Griff hat.

Wie dem auch sei: Ströbitzer folgte seinem Chef Amon in den Hörfunk und wurde Radio-Chefredakteur. Übrigens gegen die Stimmenmehrheit der dortigen Redakteursversammlung, die Hannes Aigelsreiter favorisiert hatte. Nun war es also an der Zeit, einen neuen TV-Chefredakteur zu bestellen, und es gab sechs Bewerber: Eugen Freund, Ernst Gelegs, Claudia Lind, Fritz Dittlbacher, Wolfgang Wagner und Armin Wolf, wobei Letzterer für zahlreiche Beobachter als naheliegender Kandidat galt, zumindest auf dem Papier.

Mit seiner anklagenden Rede anlässlich der Verleihung des Robert-Hochner-Preises im Jahr 2006 über die Gängelung des ORF durch die Politik und mangelnde Wehrhaftigkeit des ORF-Managements wurde Wolf sowohl nach innen wie nach außen zu einer Leit gur für journalistische Unabhängigkeit im ORF, untermauert durch seine hartnäckigen Interviews als ZiB2-Anchor. Zusätzlich hat sich Wolf mit einem berufsbegleitenden MBA-Lehrgang Managementkompetenz und Führungsqualität angeeignet, beides Dinge, die der ORF zweifellos brauchen kann. Am Papier also war Wolf ein mehr als geeigneter Kandidat. Aber der ORF ist nicht aus Papier. Anfang Oktober sickerte über den "Standard" durch, dass Fritz Dittlbacher der heimliche Wunschkandidat der SPÖ sei. Am Dienstag dieser Woche votierte die Redakteursversammlung überraschend eindeutig für ihn als neuen TV-Chefredakteur.

Um nicht missverstanden zu werden: Fritz Dittlbacher hat einen untadeligen Ruf, gilt nicht als Parteisoldat, sondern als kompetenter TV-Journalist. Und er gilt als guter Freund, umgänglicher Kollege, bestens vernetzt, freundlich im Umgang. Kurzum, er gilt als Chef, wie man ihn sich nur wünschen kann. Das kann man von Armin Wolf nicht behaupten. Gewiss, auch er ist sympathisch, aber zwei Dinge scheinen hinderlich zu sein. Erstens, er gilt als extrem arbeitsam, perfektionistisch und gewissenhaft. „Der liest jeden Tag in der Früh 17 Zeitungen – das ist aber nur seine Standardlektüre, da ist noch keine Recherche dabei. Mit so einem Chef würde man ja verzweifeln“, sagt ein Eingeweihter. Und zweitens: Er widerstrebt dem in Österreich so beängstigend perfektionierten Brauchtum der Verhaberung zwischen Journalisten und Politikern. Somit ist er für die Politik völlig unberechenbar. Und unberechenbare Journalisten werden hierzulande noch mehr gefürchtet als kritische.

Man darf den ORF-Fernsehjournalisten unterstellen, dass sie bei ihrer Abstimmung dem freundschaftlichen Gefühl Dittlbacher gegenüber den Vorrang gegeben haben und nicht dem des vorauseilenden Gehorsams – nämlich für jene Person zu votieren, die auch als von der Politik favorisiert gehandelt wird. Wiewohl dies durchaus schon vorgekommen ist, wenn man etwa daran zurückdenkt, dass auch Werner Mück einst von der Redakteursversammlung mehrheitlich favorisiert wurde. Wohl kaum aus Gründen der Gemütlichkeit. Sei’s drum. Die Redakteure haben gesprochen, Fritz Dittlbacher wird zum TV-Chefredakteur bestellt werden und diesen Job ausgezeichnet machen. Und Alexander Wrabetz hat das seltene Glück, mit einem Schlag dem Wunsch von Politik und Redakteursversammlung zu entsprechen. Eine einfache Entscheidung also.
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