Ego-Tunnel-Trash
 

Ego-Tunnel-Trash

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Jenseits des HORIZONT

Der Philosoph und Neurowissenschafter Thomas Metzinger, Autor von  „Der Ego-Tunnel“, schreibt in seinem jüngsten Essay „The Myth of Cognitve Agency“ über die „mentale Plappermaschine“, die den Eindruck insinuiert, als seien wir ein kontinuierliches Selbst.

Diese internen Plappermaschinen – Metzinger vergleicht sie mit einem automatischen Wartungsprogramm, das gewissermaßen intern im Hirn abläuft – stören seine Untersuchung, die Aufmerksamkeit, beeinträchtigen die Leistung, verringern die Gedächtniskapazität. Halbfertige Gedankenfetzen bilden einen inneren Redefluss parallel zum äußeren.

Metzinger, durchaus kein Feind des digitalen Wissenserwerbs und der ­sozialen Medien, meint damit offensichtlich den gespaltenen, leicht schizoiden Multitasking- und Multi­media-Konsumenten.
Er muss den internen Plapperfluss loswerden, am besten über Twitter für die Semiintellektuellen und über Face­book für den Rest der Welt.
Twitter ist zur Trashparty verhinderter oder subausgelasteter Journalisten, Moderatoren oder sonstiger Medienwerker verkommen, die sich offensichtlich im Stamm-Medium nicht richtig entfalten können oder dürfen.

Die Zwitschermaschinen – es gibt ein ungemein komisches Bild von Paul Klee mit diesem Titel, das jedem Trash-Twitterer oder -Follower an die Augen gelegt sei – haben offensichtlich den unstillbaren Drang, internen und verhinderten äußeren Redefluss in laufenden Kommentaren über Gott und die Welt, über andere Medien und Kollegen zu entäußern und manchmal auch so zu tun, als seien sie gesellschaftskritisch eingestellt und der Dialektik fähig. Mit 144 ­Zeichen.

Die Crux: Twitter selbst scheint an diesen Members zu leiden. Die jüngste Bilanz ist erschreckend, die Userzahlen stagnieren, die Frequenzen fallen, die Werbung läuft nicht recht an, die Aktien stürzen krachend ab.
Die Party ist jäh unterbrochen worden. Die Party-Trasher, in ihrer Closed Community, haben sich allzu eng verhalten. Twitter wird nie ein Milliarden-Massen-Phänomen werden wie Facebook – das wollte es auch nicht –, aber es hat enorm von seiner revolu­tionären Sprengkraft verloren, ist zu einem Medium der Beliebigkeit geworden. Aperçu des Mainstreams.

Metzinger sagt, wer das interne Geplapper nicht im Zaum halte, könne keine mentale Autonomie erreichen. Wer den inneren Redefluss nicht mehr im Griff hat, könne auch bald nicht mehr klar denken und verliert den Kontakt zu sich selbst.
Den Kontakt zu den anderen hat er ohnehin schon verloren. Der Ego-Tunnel hat ihn verschluckt.

Vielleicht sollte man die Social-Media-Debatte einmal von dieser Seite betrachten. Man würde wahrscheinlich Erklärungen dafür finden, warum Social Media keine gesellschaftskritische und soziale Kraft mehr haben. Die Zeiten der Arabellion waren vielleicht ein letztes Aufzucken, und der Wahlkampf von Barack Obama, der Twitter zum Durchbruch als soziales Medium verholfen hat, zeigt, wohin man gelangen kann, trotz „Yes We Can“: einer Lame Duck als Präsident.

[Jenseits des HORIZONT]



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