Editorial, Horizont Nummer 9
 

Editorial, Horizont Nummer 9

Die Schatten des 25. April.

Wer geglaubt hat, dass die anstehende Wahl zum Bundespräsidenten eine unaufregende,womöglich gar gemütliche, Angelegenheit wird, hat sich gründlich getäuscht. Die kommenden sieben Wochen bis zum 25. April werden eine interessante Zeit für Kommunikatoren und politische Beobachter, mit dem unschönen Begleiteffekt, dass dieser Wahlkampf auch jede Menge gesellschaftspolitischen Sprengstoff zur Detonation bringen könnte. Das war seit Hans Dichands vulgo Catos offener Liebeserklärung in der "Kronen Zeitung" vom 1. März zu vermuten und steht spätestens seit Barabara Rosenkranz’ Auftritt in der ZiB2 am Dienstag, dem 2. März fest. Rosenkranz kommt nicht sympathisch, aber souverän über den Bildschirm, bietet wenig Angriffsfläche, antwortet für österreichische Verhältnisse ausgesprochen eloquent, erst recht, wenn man berücksichtigt, dass sie bislang selten in TV-Live-Interviews zu Wort kam. Das alles macht sie erst so richtig gefährlich – die Form überstrahlt den Inhalt. Lediglich ihr abrupter Abgang irritierte die Zuseher und auch Moderatorin Ingrid Thurnher.

Mit ihrem Auftreten, ihrer – vorgetragenen oder tatsächlichen? – Bildung (Wie oft wird in der ZiB2 schon Voltaire bemüht?) und nicht zuletzt mit ihrem beeindruckenden Familienleben grenzt sich Rosenkranz von den sonstigen Figuren des rechten Lagers ab und erscheint damit wählbarer für die Klientel der ÖVP, bei der in Ermangelung eines eigenen Kandidaten Orientierungslosigkeit zutage treten könnte. Und dessen ist sich Rosenkranz auch bewusst, wenn sie im ZiB2-Interview bei der Frage, ob sie denn wirklich das Verbotsgesetz abgeschafft sehen möchte, den "Presse"-Chefredakteur in Geiselhaft nahm. Dieser schrieb bereits mehrfach darüber, dass die im Verbotsgesetz eingeschränkte Meinungsfreiheit nicht zu argumentieren sei. Gegenüber HORIZONT meint Michael Fleischhacker am Tag danach: „Natürlich besteht das Risiko, dass sich Menschen mit verrückten und verabscheuungswürdigen Meinungen des gleichen Arguments bedienen, das ändert aber nichts an meiner Meinung.“ Wie auch immer, die Vereinnahmung des "Presse"-Chefredakteurs ist ein weiteres freundschaftliches Zuzwinkern an die Bürgerlichen, von dessen Sorte in den kommenden Wochen noch viele kommen werden. Und so offenbarten sich schon wenige Tage, nachdem die ÖVP bekannt gab, keinen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken, gleichzeitig aber auch keine Wahlempfehlung für Heinz Fischer abzugeben, die katastrophalen Folgen dieser Entscheidung. Damit hat die ÖVP dem rechtsextremen Wolf im Schafpelz das Feld überlassen.

Barbara Rosenkranz hat dank der ÖVP allen Platz, den sie braucht, um in den kommenden Wochen Wirkung zu entfalten. Sie ist Fischers einzige ernst zu nehmende Herausforderin, polarisiert mehr als er (das ist in der Werbung bekanntermaßen immer ein Vorteil) und genießt die uneingeschränkte Unterstützung der "Kronen Zeitung" („Wählen wir sie, sie wird eine gute Bundespräsidentin sein“). Was Hans Dichand dazu gebracht hat, sich so für Rosenkranz ins Zeug zu legen, ist längst nicht mehr nachzuvollziehen. Sie selbst vermutet, im ZiB2-Interview danach gefragt, ihr offener Widerstand zum „Verfassungsvertrag“ – gemeint hat sie wohl den Vertrag von Lissabon – sei der Grund.

Catos unverhohlene Wahlempfehlung blieb zumindest nicht ohne Wirkung: "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher ergriff in seinem Leitartikel sofort die Chance zum Duell David gegen Goliath, spricht eine offene Wahlempfehlung für Heinz Fischer aus und schreibt: „Das ist eine gute Gelegenheit, zu prüfen, wer stärker mobilisiert und wem die Herzen der Österreicher und Östreicherinnen (sic!) wirklich gehören, der 'Krone' oder dem 'Falter'.“ Auch anderenorts wird Stellung bezogen: "Kurier"-Chefredakteur Christoph Kotanko fordert etwa angesichts des weiten Felds, das Rosenkranz zur Verfügung steht, „Haltung statt Streitvermeidung“ und schreibt in Richtung der Wahlkampfstrategen um Heinz Fischer und ihres betont sanften Wahlslogans „Unser Handeln braucht Werte“: „Wer sich als Staatsoberhaupt um die Wiederwahl bewirbt, aber dem Geschichtsbild von Rosenkranz nicht entgegentritt, ist mitschuldig an einem möglichen Wahlergebnis, das für ganz Österreich verheerend wäre.“ Soll also noch einer sagen, bei dieser Wahl würde es um nichts gehen!
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