Dieses Jahr wird das Buch neu geschrieben
 

Dieses Jahr wird das Buch neu geschrieben

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Es war zirka 1440, als Johannes Gutenberg das erste Massenmedium erfand: gedruckte Bücher.

Es war zirka 1440, als Johannes Gutenberg das erste Massenmedium erfand: gedruckte Bücher. Beinahe sechs Jahrhunderte brachte dieses Medium das Kunststück fertig, werbefrei zu bleiben. 2010 könnte das Startjahr sein, in dem sich das alles zu ändern beginnt. Anlass ist Apples iPad plus eine Reihe von Konkurrenten, die zusätzlich zu den schon existierenden elektronischen Lesegeräten einen Trend erzeugen: Man liest unterwegs auf einem tragbaren Bildschirm. Auch das Handy fällt in diese Kategorie: gut genug, um japanische Comics abzurufen, reichlich mühsam, wenn man einen ganzen Roman lesen will.

Die sogenannten Tablet-Computer werden diesen Markt nun beträchtlicher weitern. Das Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers schätzt, dass bis 2013 E-Bücherin Nordamerika sechs Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen werden. Weniger konservativ ist Carolyn Reidy, Chefin des Verlagsriesen Simon&Schuster, die meint, dass binnen fünf Jahren der Anteil eher bei 25 Prozent liegen werde. Laut der auf digitale Werbung spezialisierten Agentur Mobclix wurden für Apples iPhone bereits mehr Applications für Bücher als für Spiele verkauft.

Diese Entwicklung hat Folgen: Der Buchhandel wird weiter ausdünnen, kleine Buchgeschäfte werden sich nur noch bei extremer Spezialisierung halten können, der Rest sperrt zu. Aber auch die Verleger selbst bangen: Die neuen elektronischen Geräte werden den Markt der Buchleser kaum vergrößern, aber möglicherweise einen negativen Einfluss auf die ohnehin hauchdünnen Spannen haben. Manche fürchten, dass den Buchverlagen nun ein ähnliches Schicksal wie der Musikbranche bevorstehe …

Das Argument, Buchverleger würden davon profitieren, wenn sie Druck- und Versandkosten sparen, überzeugt nicht wirklich – zum einen machen diese Aufwendungen ohnehin bloß ein Zehntel des Buchpreises aus, zum anderen sehen sich Verlagshäuser nun gezwungen, in Speicherung und Vertrieb digitaler Texte zu investieren. Kleine, smarte Verlage gehen von sich aus bereits einen Schritt weiter und organisieren themenorientierte Lesezirkel im Web (zum Beispiel Tor.com, auf Fantasy und Sci-Fi spezialisiert, oder Sourcebooks, die Gedichte promoten).

Was sich sicher nicht aufhalten lassen wird, ist die schleichende Kommerzialisierung des Buches. Gerüchten zufolge wird auch Google in den Ring steigen, was ganz sicher das Ende der kulturellen Sonderstellung für das Buch bedeutet – es wird zur ganz gewöhnlichen Ware herabsinken. Und damit wird sich das Tor zur Werbung öffnen. Hachette etwa investiert bereits in „angereicherte E-Bücher“, die Audio- und Video-Elemente enthalten (und entsprechend teuer sind).

Wenn das Medium Buch eines Tages eine komplette Multimedia-Erfahrung bieten sollte, wird ganz sicher die Werbung als Sponsor aufgerufen sein. Mit neuen Techniken wie Apples iAd-Plattform, die Werbung auf die Örtlichkeit, an der sich ein Nutzer befindet, zuschneidert, wird mobile Werbung um vieles attraktiver – und damit das Medium Buch retten …
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