Die Zeit des Small Talks ist vorbei
 

Die Zeit des Small Talks ist vorbei

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©P.Svec
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Editorial von Hans-Jörgen Manstein.

Wir eröffnen heute die 17. Österreichischen Medientage– und die Zeiten sind interessant. Und „mögest Du in interessanten Zeiten leben“ ist auch ein alter chinesischer Fluch. Die 17. Medientage  nden also möglicherweise in verfluchten Zeiten statt.

Nun – vieles spricht dafür. Sehen wir uns um, so stoßen wir auf Gleichgültigkeit, auf die Parallelwelten von Ichlingen in jeder Form und Couleur, auf Politikverdrossenheit und eine Führungs-Elite, die hauptsächlich damit beschäftigt ist, Skandale in jeder Art auszusitzen. Die taxative Aufzählung bitte ich Sie, mir zu ersparen. Ein Blick in die Medien sagt alles. Und eines der populärsten Ereignisse auf YouTube ist der Song eines Comedian-Duos namens „Chris und Lollo“ mit dem Titel „Wann geht der Karl-Heinz endlich in den Häf’n?“

Aber wie sollte es denn auch anders sein? Gestatten Sie, dass ich bei meinem Erklärungsversuch Anleihe bei einem alten Lied von Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger nehme: „Wir schau’n uns unsere Regierung an, denn die geht mit dem Beispiel voran.“ Wenn die Bundesverfassung, die heuer übrigens ihren 90. Geburtstag feiert, von den Machthabern dann in Anspruch genommen wird, wenn es gilt, ein 17-jähriges Mädchen aus dem Land zu spedieren – gleichzeitig aber ohne Genierer gebrochen wird, wenn sich die gleiche Regierung wegen zweier Regionalwahlen vor dem eigenen Volk fürchtet und daher diesem die Budget-Wahrheit erst nachher mitteilen möchte.

Was sollen sich dann die Menschen auf der Straße denken? Das Signal ist doch eindeutig. Das Gesetz gilt nur dann, wenn es Dir nützt. Oder, wenn die Richter nicht geirrt haben, wie es ein Oberstes Verfassungsorgan der Republik, der Kärntner Landeshauptmann, auszudrücken beliebte. Konsequenzlos, wenn Sie mir die Anmerkung gestatten. Und, lieber Bürger,wenn Du glaubhaft machen kannst, dass Du geistig nicht in der Lage bist, das Recht zu erkennen, dann bist Du überhaupt außer Obligo.

Damit wurde die Grundlage für die Atmosphäre des „anything goes“ geschaffen. Die Auswirkungen erleben wir täglich. Über höchste – ehemalige– politische und wirtschaftliche Amtsträger hat sich der Generalverdacht des Halunkentums gelegt. Das Volk beginnt, das Vertrauen in die staatlichen und zivilen Institutionen rasant zu verlieren.

Meine Damen und Herren: Nach einer repräsentativen Umfrage wünschen sich 21 Prozent der Österreicher „einen starken Führer“, der unbeeinflusst vom Parlament handeln kann. 21 Prozent, meine Damen und Herren. Das ist beinahe in Viertel. Wobei knapp 40 Prozent gar nicht wählen wollen. Und das in dem Jahr, in dem wir 55 Jahre 2. Republik feiern. Gratuliere. Wir haben es weit gebracht. Dass das nicht immer so war, wissen wir. Aber wie konnte es so weit kommen? Ich denke, eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass wir einfach keine Ziele mehr vor Augen haben. Es fehlt die „Challenge“, wie es so schön heißt. Bis 1955 ging es um unsere Freiheit. Danach um den Wiederaufbau und dann um die Durchlüftung der Republik als Folgeerscheinung des Jahres 1968. Damals hat Willy Brandt verlangt, „mehr Demokratie“zu wagen. Später ging es um den EU-Beitritt. Den haben wir dann 1995 auch geschafft. Und was kam dann?

Ich will es Ihnen sagen, sehr geehrte Damen und Herren: dann kam die Generation derer, deren Credo war: „Wer am meisten hat, wenn er stirbt, hat gewonnen.“ Kurz: Wir haben nahtlos von der Konsens-Demokratie über die Konflikt-Demokratie (2000 – 2006) zur Party-Demokratie übergeleitet. Politische Entscheidungen werden heute beim Networking unter Einbeziehung von sogenannten Networking-Gurus beim Nobel-Italiener getroffen. Zwischen Prosecco und der Erörterung der Frage, welcher Herrenhemdenschneider denn nun wirklich zu empfehlen sei, wird dann von Partei-Jungstars so nebenbei über politisch zu besetzende Ämter abgestimmt. Und die eigentlichen Vertreter des Souveräns, die Parlamente? Die sind zu Abstimmungsmaschinen degradiert, in denen die Regierungsparteien über den „Leverage“ – also den Hebel namens Clubobmann, der die Abgeordneten auf Linie bringt – die Gewaltentrennung de facto ausschalten.

Erst neulich sagte ein höchstrangiger Parteifunktionär auf meine Frage, wie denn das mit dem freien Mandat gehandhabt würde: „Freies Mandat? Der Witz war jetzt gut!“ Nur der Ordnung halber: Die dritte Gewalt, die Rechtssprechung, ist zurzeit hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Ich bin mir bewusst, dass ich mich jetzt auf dünnes Eis begebe. Aber im Sinne von „Wehret den Anfängen“ muss schon gesagt werden, dass wir mitten in einer schleichenden „Weimarisierung“ der Republik leben. Auch damals wollten über 33 Prozent der Bevölkerung einen starken Mann. Auch damals crashten die Banken. An die Folgen solcher Entwicklungen erinnern sich –Gott sei Dank – nur noch jene, die nicht die Gnade der späten Geburt hatten.

Das ist auch deshalb so problematisch, weil die, die das ändern könnten, dem Treiben aus ihrer Parallelwelt in den Erbhöfen der scheinbaren Macht wohlwollend zuschauen. Für ihre Entscheidungen Umfragen verwenden. Sie handeln nicht wie Politiker, sondern Manager, die verunsichert sind. Und ständig die Meinung anderer einholen. So sind sie Getriebene der „politics by polls“ geworden. Und wir? Wir hier bei den Medientagen, meine Damen und Herren? Wir sind um keinen Deut besser. Was haben wir denn getan? Haben wir die Medientage genutzt, um die Medien, die vielzitierte vierte Gewalt, in ihrer verantwortungsvollen Aufgabe zu unterstützen? Haben wir die Veranstaltung zu mehr gemacht als einem freundlichen Get-together mit ein paar ansprechenden Diskussionen und dem Vorteil der steuerlichen Absetzbarkeit?

Ich möchte Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, unsere Leistung an einem Beispiel demonstrieren. An zwei Zahlen, die als Spiegel für unserer ganze Branche gelten können: Als wir vor vielen Jahren mit dieser Veranstaltung begannen, hatte die Wirtschaftsredaktion des Nachrichtenmagazins "profil" acht Mitarbeiter. Heute sind es zwei. Haben wir, die wir stolz sind auf unsere Verbände, unsere Vereinigungen, unsere Preise, unsere Präsidenten, uns wirklich um die uns Anvertrauten, die Medien, gekümmert? Nein, haben wir nicht. Wir haben Partys gemacht und sind danach zum business as usual übergegangen. Auch wir – so ehrlich müssen wir schon selber sein – haben uns in eine Parallelwelt verabschiedet. Die, die uns kritisierten, das waren für uns die, die keine Ahnung hatten.

Meine Damen und Herren, so geht’s einfach nicht weiter, die Zeiten des Small Talks sind vorbei. Müssen vorbei sein, wenn wir nicht wollen, dass unsere Medien unwiderruflich Schaden nehmen. Und damit unser Land. Denken wir an die 21 Prozent, sehr geehrte Damen und Herren. Die, die auf ihre Art und mit ihren Mitteln für oft wenig Lohn sich bereit erklärt haben, Verantwortung für Österreich zu übernehmen, die Macher der Medien nämlich, die täglich die Kunst des noch Möglichen zu unserem Besten einsetzen, benötigen unsere Unterstützung. Und sie benötigen sie sofort.

Meine Bitte an die Politik: Machen Sie eine Medienpolitik, die Qualität und Vielfalt zulässt. Und machen Sie NICHT Politik mit den Medien. Aus diesem Grund wünsche ich Ihnen keine interessanten Medientage, sehr geehrte Damen und Herren. Ich habe sie vielmehr aufzufordern, die rosarote Brille abzunehmen. Ich fordere Sie auf, endlich einmal Tacheles zu reden, bei unseren Podiumsdiskussionen. Ich fordere Sie auf, zu sagen,was Sie denken, was notwendig ist, um die Medien aus der offensichtlichen Misere zu führen. Ich fordere Sie auf, endlich zu sagen, was gesagt werden muss. Unabhängig davon, ob ihr Gegenüber ein künftiger Arbeitgeber sein könnte. Oder es sonstige Abhängigkeiten gibt. Das hier ist kein Editor’s Dinner der schönen Menschen mit „Seitenblicke“-gerechten Wortspenden. Darf es nie mehr sein. Das müssen wir begreifen, meine Damen und Herren. Bevor es zu spät ist. Unser wertvolles und lebenswertes Land braucht wieder Visionen, auch bei den Medien.

Hans-Jörgen Manstein

Eröffnungsrede zu den 17. Österreichischen Medientagen am 21. September 2010.
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