Die Werkbank wird kürzer
 

Die Werkbank wird kürzer

Editorial von Philipp Wilhelmer

Den Kollegen von Presse und WirtschaftsBlatt blieb vergangene Woche der Mund offen stehen: Hochdekorierte Führungskräfte, die die Zeitungen zuletzt zu ungekannten Erfolgen führten – 2011 war ein Rekordjahr für beide Häuser gemeinsam – und anerkannte Produkte innovativ in die Zukunft wiesen, gingen. Einfach so. Man muss kein Fan von Michael Fleischhacker sein, um hier ein wenig Wehmut zu verspüren, denn die Rochade in der Hainburger Straße wird wohl erst der Anfang gewesen sein von den Dingen, die da noch anstehen. Aus der reinen Philosophie-Frage, was denn wichtiger ist – die Marke, die redaktionelle Leistung, ein Redaktionsstatut oder nicht, gemeinsame Synergiekräfte ja oder nein? –, ist ein beinhartes Rechenspiel geworden.

Zeitungen sind nach Ansicht der Styria-Führung am Zenit angekommen. Die Werkbank wird künftig kürzer, so traurig dies auch ist. Wer darin den Weltuntergang sieht, sollte sich vielleicht ein paar Notfalltropfen für die kommenden Jahre in Reserve nehmen, denn die digitale Revolution wird auch hierzulande ihre brutale Gewalt entfachen. Dass die Styria in zwei ihrer Qualitätszeitungen Downsizing im Management betreibt, geschieht sicher nicht aus einer Laune heraus, die einem Spaziergang im Grazer Stadtpark entsprang. Vielmehr spricht die Vorgangsweise Bände über die Verfasstheit der Branche: Während andere Riesen in ihren Strukturen verharren müssen, können die Steirer handeln, wenn sie die Zeit für reif halten. Dass beim erfolgreichen Management angefangen wurde, hat sicher nicht nur damit zu tun, dass die Führungskräfte eben die teuersten Mitarbeiter sind. Auch die Beteuerung, dass die beiden Häuser nur in der Führungsebene zusammengelegt werden, ist nur so viel Wert wie die Zahlen, die am Ende des Excel-Sheets stehen. Lohnt es sich noch, zwei Zeitungen dieser Art parallel zu betreiben? Die Antwort dürfte schon bald kommen. Mit Michael Tillian ist jedenfalls ein Mann am Ruder, der bei solchen Fragen die Ärmel aufkrempelt und wenig Angst vor Tabus hat.

Wie sich der Qualitätsjournalismus mit solchen Überlegungen verträgt, ist längst zur Überlebensfrage geworden. Schließlich kann sich auch ein arriviertes Blatt wie die Presse nicht mehr aussuchen, wie das Spielfeld aussieht, auf dem sie unterwegs ist. Revolutionsjahr 1848 hin, journalistische Eitelkeit her. Und das WirtschaftsBlatt? Die Auguren prophezeien schon ein baldiges Ende für die Zeitung, deren größere Schwester mit Sicherheit nicht auf der Strecke bleiben wird, wenn es hart auf hart geht.

Wo auch immer die Reise hingeht: Neue Wege sind gefragt. Einen davon macht die Styria selbst vor. Die Paywall des WirtschaftsBlatts wird ausgeweitet (siehe HORIZONT 32/2012,  Bericht auf Seite 8). Binnen Jahresfrist soll bereits die Hälfte der Inhalte hinter der Bezahlschranke verschwinden. Journalismus muss man sich schließlich leisten können.
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