Die wachsende Einsamkeit der Evolutionsgewinn...
 

Die wachsende Einsamkeit der Evolutionsgewinner

Kommentar von Walter Braun

Als Spezies waren wir so erfolgreich, dass unsereins schier überall gedeiht. Weder Seuchen noch Kriege noch Umweltkatastrophen haben unseren Vormarsch aufhalten können. Laut UN-Kalkulationen sollte Ende Oktober die Sieben-Milliarden-Schwelle erreicht sein. Dass die Wachstumsraten sehr ungleich verteilt sind (viele europäische Länder plus Japan und Russland schrumpfen bevölkerungsmäßig), wird weitreichende Auswirkungen haben (mehr dazu im kommenden Bestseller). Hier soll uns ein anderes, verstörendes Phänomen interessieren: Je mehr es unseresgleichen gibt, umso sprachloser werden wir im direkten Umgang. Sozialforscher haben errechnet, dass einst 150 Menschen unsere ideale Stammesgröße war – einerseits genügend Persönlichkeitsvielfalt, andererseits ist die Zahl klein genug, um jedes Gemeindemitglied persönlich zu kennen. Wer lebt heute noch so, außer ein paar abgelegene Dörfer? Zum Ausgleich haben wir Kommunikationsmedien erfunden, vom Buch bis zum Handy mit Weltanschluss. Doch die Masse der potenziell möglichen Kontakte hat keineswegs deren Qualität gesteigert. In allen hochindustrialisierten Gesellschaften nimmt die Einsamkeit frappant zu.

Für die Konsumwirtschaft ist das toll, weil sie mehr absetzen kann (Singles verlangen in der Regel weitaus mehr Selbstverwöhnungskonsum als Paare beziehungsweise Familien). Dieses Phänomen als Ausdruck von „Individualismus“ zu erklären, trifft die Sachlage nicht unbedingt. Sprachlosigkeit ist überall zu registrieren – zwischen den Generationen, zwischen Stadt und Land, zwischen Einheimischen und Einwanderern. Jetzt kommt ein Trend aus Japan, der das Ganze noch verstärkt: soziale Roboter. Was seit Jahren als technische „Haushaltshilfe“ angepriesen wurde, soll nun ein menschliches Aussehen annehmen und programmiert werden, menschliche Interaktionen nachzuahmen. Anlass für diese Entwicklung ist die stark wachsende Zahl von allein lebenden, älteren Menschen. Für autistische Kinder hat man bereits einen Roboter namens Kaspar entwickelt, der lächeln kann. Im vergangenen Jahr hat ein schottisches Spital über 330 Millionen Euro für eine ganze Flotte von Hilfsrobotern ausgegeben, die das Pflegepersonal von banalen Alltagsarbeiten befreien soll. In einem englischen Dorf testen Wissenschaftler, wie es sich in einem „Roboterhaushalt“ tatsächlich lebt – dem blechernen Kollegen ist sogar etwas „Etikette“ einprogrammiert worden, um die Entstehung einer „Bindung“ zu erleichtern.

Sind wir wirklich scharf auf derartige Pseudo-Beziehungen? So wird jedenfalls die Hintertüre für eine soziale Akzeptanz von Maschinen als Menschenersatz geöffnet. Gleichzeitig ist die Weltbevölkerung auf dem Weg zur achten Milliarde, und überall im Westen steigt die Arbeitslosigkeit. Wächst da die nächste Generation unter dem Eindruck auf, Kontakte mittels Knopfdruck her- und abstellen zu können? Was, wenn eines Tages viele so selbstversessen und beziehungsunfähig geworden sind, dass sie die „Gesellschaft“ von Maschinen zu bevorzugen beginnen?

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