Die verlorene Unschuld des Journalismus
 

Die verlorene Unschuld des Journalismus

Editorial von Hans-Jörgen Manstein

Die „Unschuldsvermutung“ ist in Wirklichkeit das Wort der letzten drei Jahre. Ich traue mich zu wetten, dass kein anderes Wort so oft in den Wirtschaftsteilen der österreichischen Medien verwendet wurde wie eben die „Unschuldsvermutung“. Vordergründig wird damit dem Rechtsstaat Genüge getan. Weil eben ohne rechtskräftiges Urteil jeder als unschuldig zu gelten hat. Wäre das anders, könnten wir uns unsere Zivilisation an den Hut stecken.

Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist, leider, dass sich Österreichs Journalisten mit stark zunehmender Intensität hinter dem Wörtchen „Unschuldsvermutung“ verstecken, wenn sie jemandem ans Leder gehen oder (wie es der Herr Generaldirektor des ORF mit seinem nur schwer zu erreichenden Gefühl für die gehobene bürgerliche Eleganz auszudrücken belieben würde) anbrun*** wollen – der Anstand verbietet es mir, das Wort auszuschreiben. Der Trick ist denkbar einfach: Man setzt einfach nicht zusammengehörende Fakten in einen scheinbaren Zusammenhang. Mit der Folge, dass sich der geneigte Leser schon seinen Teil denken wird. Das Ganze wird aufgefettet durch der Zeitung X (wahlweise auch dem Magazin Y) bekannte Informanten, die praktischerweise natürlich anonym bleiben – stehende Leerformel: „Ein Insider (Name der Redaktion bekannt) weiß jedoch …“ Dass diese angeblichen Informanten reine Erfindungen des zuständigen Journalisten sind, soll hier nicht unterstellt werden, ist jedoch – dank Redaktionsgeheimnis – weder beweis- noch widerlegbar. Und damit die Leser ja begreifen, dass es sich bei dem Beschriebenen wirklich um Falotten handelt, kommt dann noch die hinterfotzige Formel „für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung“.

Die Verfahren – wenn es denn solche überhaupt jemals gibt – dauern Jahre. Bis dahin sind die per Unschuldsvermutung Angeschütteten eh bereits per veröffentlichter Meinung verdammt. Was kümmern einen Journalisten, der eine Story trotz dürftiger Faktenlage braucht, denn die Grundprinzipien seines Berufes, deren eine da lautet: „Wenn es die beweisbare Faktenlage nicht ergibt, ist es eben keine Geschichte“. Ein Endurteil des Obersten Gerichtshofes könnte für die Betroffenen nicht apodiktischer sein. Rechtsmittel gibt es da wie dort keine. Für manche ist damit die bürgerliche Existenz vernichtet. Auch egal, solange eine Schlagzeile herausschaut.

Wir stehen hier wirklich an einem Abgrund. Und viele Medienmacher stürzen sich, gleich Lemmingen auf Ecstasy, mit Lust hinein. Und im sicheren Wissen, dass ihnen kaum etwas passieren kann. Mit seriösem Journalismus hat das nichts mehr zu tun. Eher schon mit Marktschreiertum, koste es, was es wolle. Und der Gipfel von allem: Viele dieser „Enthüller“ und „Aufdecker“, die sich jüngst bei einer Selbstbeweihräucherungsfete gravitätisch auf die eigenen Schultern geklopft haben, wissen nicht einmal beziehungsweise wollen nicht wahrhaben, dass sie selber zum Täterkreis gehören. Denn was ist es denn, wenn Papiere aus vertraulichen Akten, die ausschließlich der Staatsanwaltschaft und dem Justizministerium zur Verfügung stehen, plötzlich in faksimilierter Form im sogenannten investigativen Journalismus auftauchen? Die Antwort ist simpel: in jedem Fall Amtsmissbrauch auf der Seite der Lieferanten. Und was ist es, wenn eine Topjournalistin der Wirtschaftsredaktion einer Qualitätszeitung (es gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung) in der Live-Sendung „Talk of Town“ (Puls 4) die Beamten in ihrer Gesamtheit auffordert, möglichst viele „Papierln“ an die Medien zu schicken? Richtig: Anstiftung zum Amtsmissbrauch. Da fährt leider die Eisenbahn drüber.

Es ist also an der Zeit, dass sich die, die das Wort „Unschuldsvermutung“ in so inflationärem Ausmaß gebrauchen, einmal zurücklehnen und über ihr eigenes Treiben nachdenken. Sonst könnte es passieren, dass sie den Schutz der Unschuldsvermutung – eher, als ihnen lieb ist – für sich in Anspruch nehmen müssen. An die Gefahr, dass sie ohne den kleinen Hinweis keine Storys zustande brächten, mag ich nicht glauben, meint Ihr Hans-Jörgen Manstein.
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