Die verhüllten Enthüller
 

Die verhüllten Enthüller

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Jenseits des HORIZONT

Der Enthüllungsjournalismus, WikiLeaks und die Investigationsmanie, deren Ergebnisse oft selbstreferenzielle Pseudoerkenntnisse sind, Vorurteile bestärken und verfestigte Meinungen noch stärker zementieren, sind Verbündete des General­verdachts. Sie verharmlosen letztendlich die Realität. Das Skandalöse wird das Normale. Das Konsumierbare. Stoff für Voyeure.

Es hinterlässt aber eine recht grausame Spur von persönlichen Verletzungen, Desavouierung und gesellschaftlichen Ächtungen, gegen die man sich nicht wehren kann. Wenn ich investigatorische Storys lese, die es in unterschiedlicher Qualität und Dichte, in fast schon jedem Magazin und mittlerweile auch in den meisten Tageszeitungen gibt, ­erinnere ich mich immer wieder an einen Satz von Mahatma Gandhi. „Wissen ohne Charakter“ nennt er eine der großen Verfehlungen des Scheindemokratismus. Wissen ohne Charakter und ohne Erkenntnis ist noch gravierender.

Da werden Akten zitiert, ohne sie in einen Konnex zu stellen (den gibt es vielleicht auch gar nicht), werden lusthaft seitenlange Faksimiles ausgebeutet, harmlose Zitate so hingestellt und interpretiert, als wären sie Anleitungen zu Verbrechen oder Betrug. Da werden Personen, ohne sie zu fragen oder sie in bürgerlich-aufklärerischen Schutz zu nehmen, vorverurteilt, alleine indem sie genannt werden. Oder vermeintlich unter ­Beobachtung des Staatsanwaltes ­stehen. Das genügt für den Verdacht. Verdacht hat die Eigenschaft, dass er klebt wie Pech. Was da ist, insbesondere im Web, lässt sich nicht mehr wegbringen. Auch wenn es falsch ist. In den Zeiten vor dem Totalitätsprinzip der vollkommenen Toleranz wurden Strafen nach einer bestimmten Frist gelöscht. Das Leumundszeugnis war wieder sauber und leer.
Heute ist es nicht mehr möglich.

Jedes und alles, wenn es opportun erscheint oder irgendwie dokumentiert ist, wird veröffentlicht. So als sei dies ein aufklärerischer, enthüllender Akt.
WikiLeaks hat Millionen von ­Dokumenten zur Einsicht freigegeben. Niemand ist imstande, sie durchzusehen und zu bewerten, einzuordnen, in den Konnex zu stellen. Also werden – frei nach den Lehren der Propaganda der 1920er- Jahre – Ausschnitte herausgezogen und veräußert. Vergröbert.

Ein Skandal entsteht, der vor allen eines tut: sich selbst genügen.
Enthüllung und Investigation werden zu Teilen des Massenunterhaltungsmarktes.
Der Unterschied zu Doku-Soaps wie „Ich will hier raus“ oder „New­topia“ (mittlerweile eingestellt) ist kaum mehr gegeben. Die Enthüller hingegen rufen lautstark nach Schutz und Freiheit der Meinungsäußerung, wenn es um sie selbst geht. Das ­erscheint zynisch.
Wir schätzen den Whistleblower und erfreuen uns an seinen Aussagen. Recht hat er. Dass er selbst ­Unrechtsbeteiligter ist, vergisst man.
Die Enthüllung muss ja weiter­gehen.

[Jenseits des HORIZONT]  
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