Die ungebildeten Ausgebildeten
 

Die ungebildeten Ausgebildeten

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Jenseits des HORIZONT

Wenn Österreichs Politiker – gleich welcher Couleur – von Bildung reden, meinen sie meistens Ausbildung. Wenn sie über Schulreform und Bildungsreform fantasieren, meinen sie eine Ausbildungsreform, so als ob Schule oder gar Universität dazu dienten, Menschen für Beruf und konkrete Arbeit ausbilden.

Das ist nicht Kernaufgabe von Schulen und schon gar nicht von Univer­sitäten. Wenn man Universitäten zu Werkstätten umfunktionierten möchte, sollte man es tun. Bildung schafft man damit nicht.

Die Wirtschaft hat Interessen: Sie will Arbeitskräfte, die möglichst gut kondi­tioniert sind. Deshalb die Fachhochschulen. Die Berufsschulen. Wirtschaft hat jeweils unterschiedliche Bedürfnisse und will deshalb auch sich rasch ändernde Ausbildungsstrukturen. Was man heute braucht, ist morgen vielleicht schon veraltet. So sieht auch das „Aus“-Bildungskonzept aus.
Die Wirtschaft will Forschung: aber angewandte Forschung, die möglichst rasch verwertbare Erfolge bringt. Grundlagenforschung? Allgemeinbildung? Dafür sollte die – diffus ausgesprochene – Allgemeinheit da sein .Der Staat und die öffentlichen Institutionen.
Denen bürdet man inzwischen immer mehr auf: Sie sollen Kinder möglichst in allen Bedürfnissen betreuen, gewissermaßen als omnipräsente Tagesmütter/-väter. Kinder in der Schule abgeben, die Allgemeinheit wird es schon richten.
Schließlich werden die Eltern von der Wirtschaft benötigt. Und die hat jeweils unterschiedliche Bedürfnisse. Und Produktionseinsätze. Stupid Economy. Es ist im Kern eine grundpolitische Frage: Welche Aufgaben delegiert man an wen? Und wie stattet man diejenigen Institutionen aus, die Aufgaben im öffentlichen Interesse übernehmen sollen?

Wenn man der Meinung ist, der Staat sollte Bildung, Erziehung, Sozialisierung übernehmen, muss man die Voraussetzungen dafür schaffen: Schulen, die den Anforderungen einer Tagesrealität entsprechen, Pädagogen, die nicht nur gut bezahlt, sondern exzellent gebildet und empathisch sind, Curricula, die flexibel und individualisierbar sind, Lebens- und Freizeitumfelder, die so­ziales Lernen und solidarisches Entwickeln erlauben et cetera.

Das tut man aber nicht, sondern beharrt auf verkrusteten Strukturen: nicht nur die Gewerkschaften, auch die sogenannten Reformer, die letztendlich brav angepasste, arbeits- und leistungsfähige Menschen wollen. Und nicht Freigeister, Störenfriede und mündige Kritikaster. Das ginge zu weit. Wehe, sie würden das System als solches infrage stellen.

Wer Bildungsreform will, muss radikal für Bildung sein. Bildung ist nun ­einmal nutzlos und zwecklos im eigentlichen Sinne des Wortes. Davor hat man offensichtlich Angst.
Lieber zufriedene Ausgebildete als unzufriedene Gebildete. So lebt sich’s besser. Und steigert auch das Brutto­inlandsprodukt.

[Jenseits des HORIZONT]
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