Die überwachten Überwacher
 

Die überwachten Überwacher

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Jenseits des HORIZONT

Wenn alle alles über alle wissen, ist das nicht Transparenz, sondern Totalitarismus und Ende des Individuums. Es ist nicht das, was wir Freiheit nennen. Diejenigen, die nach totaler Transparenz rufen, erliegen einem falschen Anspruch. Sie erliegen der Ideologie der Informationsindustrie, die sich als ­Wissensproduktion ausgibt. Nicht um das Wissen über jeden und alles, um die Enthüllung des Geheimnisses sollte es in der Transparenzdebatte gehen, sondern um das Recht auf Einsicht in Vorgänge, das Offenlegen von Mechanismen und Zusammenhängen – nicht der Inhalte. Einblick haben in die Abläufe, Strukturen, Mechanismen, das ja. Das ist Recht und Aufgabe jedes Bürgers. Dies zu ermöglichen, ist Aufgabe der freien Medien als Interpretatoren. Es ist ihr Zugangsschlüssel zur Aufklärung.

Exakt das Gegenteil aber geschieht in der Informationsindustrie. Wir wissen, dass wir überwacht werden, aber nicht wozu, von wem, in welchen Momenten. Und wir wissen nicht, was überwacht wird. Also sind wir selbst wachsam. Scheinbar.

Wir gehen durch die Städte, in jeder U-Bahn-Station, vor jedem Luxus­laden, in jedem Großkaufhaus: Über­wachungskameras. Wir besuchen Freunde, nähern uns ihrem Haus, die Lichter gehen an, sodass man geblendet wird, die Überwachungskamera läuft. Die Überwachten spielen selbst die Überwacher. Die Verängstigten werden zu Datensammlern und Angstmachern. Wir bestellen Bücher oder Sonstiges bei Amazon oder sonst wem, wir hinterlassen Spuren. Wie der Postbote, der uns die Bücher zwei Tage später bringt. Auch der wird überwacht. Wenn er zu spät liefert, bekommt er Abzüge. Wir als Konsumenten werden über Mail informiert, wo sich unser Buchpaket befindet, wann es abgesandt wurde, wann es ankommen wird. Wozu? Damit wir überwachen können? Wir lesen das E-Book, merken eine Stelle an, und alle anderen E-Book-Leser können sich unsere angemerkte Stelle ansehen, wenn sie wollen. Die Verlage nennen dies Content Crowding. Die Bücher der nächsten Gene­ration werden Häufigkeitsakkumula­tionen sein, die besten Textbausteine in einem neuen Romangefüge.

Die Überwachten eignen sich die Methoden der Überwacher an. Vielleicht ist dies auch so intendiert. Biedermann reicht dem Brandstifter ja auch das Zündholz und gibt ihm das Benzin, damit er sein Haus anzünden kann.
Die böse Fratze des Kapitals zeigt sich im gewinngetriebenen Wachstumsglauben. Es geht raffiniert vor und lädt zur scheinbaren Partizipation ein. Es macht die Partizipierenden zu Mit­streitern. Die Eingeladenen zu Mitwirkenden. Die Überwachten zu ehrgei­zigen Überwachern. Diese Methode haben jahrhundertelang Diktatoren und Diktaturen angewandt. Über­wachung heute geht eine Dimension weiter. Delegation an die Maschine. Verselbstständigung der Überwachung. Ein vollständiges Abbild der realen Welt entsteht im digitalisierten Datenuni­versum. Der Überwacher ist nicht mehr Subjekt, sondern Mechanismus. Was bleibt, ist der Verlust von allem, was Subjekt heißt. Das Überwachungs-Ich definiert sich nicht mehr an dem anderen, sondern an den virtuellen Reflexen, die es über sich aus den Überwachungsmedien rückgespiegelt erhält.
Das nennen wir dann Transparenz.

[Jenseits des HORIZONT]
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