Die Totalität des Sparens
 

Die Totalität des Sparens

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Jenseits des HORIZONT

Sparprogramme allenthalben. Es klingt vernünftig. Zuerst die Schulden abbauen. Dann kann die Wirtschaft wieder wachsen. Zuerst das Unnötige einsparen. Die Administration zum Beispiel oder das Unnütze, Unbrauchbare. Sagen die Ökonomen. Die Politik folgt willfährig. Zumindest verbal.

Der Staat soll schlanker werden. ­Weniger Administration, weniger Bürokratie, weniger Beamte. Alles soll schneller gehen. Unbürokratischer. Speed Administralia.
Ich gestehe, mir ist zu viel Büro­kratie lieber als zu wenig. Zu viel Administration lieber als zu wenig.

Unternehmen sollen und müssen sparen und sich weiterentwickeln. Prozesse beschleunigen, Abläufe ­optimieren. Und Überflüssiges streichen: die Alten beispielsweise oder die „Nichtoperativen“ oder Geschäftsfelder ohne Zukunft.

Bei vielen Medienkonzernen hat es dazu geführt, dass man Personal abgebaut hat. Auslagerung von Produktion und vor allem Abbau von Redaktionen. News und Informationen kann man ja anderswo einkaufen. Es gibt Textfabriken in Indien, die heute schon den Content von US-Tages­zeitungen „dritterstellen“. So entstehen schlanke Medienhäuser, bis die geschlossen werden. Heute keine ­Inhalte.

Unternehmen sind privat. Es bleibt ihnen und der Geschäftsführung überlassen, wie sie sich definieren, welche Richtung sie einschlagen. Es gibt abschreckende Beispiele genug: Kodak hat sich zu Tode gespart, Yahoo ist gerade dabei, Nokia atmet in den letzten Zügen und einstige Riesen von Wang bis Nixdorf sind nur mehr leere Marken.

Beim Staat ist es nicht so. Das Heer der Beamten und Administratoren verhindert Willkür. Je weniger Beamte, umso weniger Obacht. Dann werden Sicherheitsregeln „übersehen“: Wen kümmert die Statik, wenn ein Haus ohnehin nur 20 Jahre „überleben“ muss, bis es sich amortisiert hat? Wen kümmert die Bodenkon­taminierung, wenn man rasch ab­cashen und wieder anderswo investieren möchte?

Wen kümmert, ob es genügend öffentliche Verkehrsnetze gibt, wenn man ohnehin fünf Autos hat? Und wen kümmert es, wenn man sich ohnehin die besten Kräfte kaufen und die eigenen Kinder auf Privatuniversitäten schicken kann?

Sparen am scheinbar überfetten Staat ist gefährlich. Es öffnet die Türe zur Willkür. Im Zweifel: Drei Beamte mehr als zwei zu wenig. Aus volkswirtschaftlichen Gründen, aber vor allem aus demokratiepolitischen.

Verwaltung ist Schutz und dann erst Enteignung der Freiheit. Verwaltung ist Verlässlichkeit, die wir für ein sozial gerechtes Leben und Über­leben brauchen.

Denjenigen, die den „Sparstaat“ und den ausgeglichenen Haushalt als Causa prima betrachten, muss man auf die Finger schauen. Deshalb braucht es kritische Medien, die nicht Kommerzunternehmen allein sind, eine genügend starke Verwaltung und genügend mutige Bürger, die sich auf die Verfassung berufen und verlassen können.

Sonst bricht Willkür des Kapitals und des Totalitären endgültig aus. Also: Etwas weniger sparen.

[Jenseits des HORIZONT]
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