Die Schere schließt sich
 

Die Schere schließt sich

Editorial von Sebastian Loudon

Wie ist das jetzt einzuordnen? Die Epamedia. ein einstiger Vorzeigebetrieb der österreichischen Medienwirtschaft, in den Neunzigern und Nullerjahren nach Vorbild der Finanzdienstleister aggressiv expansiv jenseits der Ostgrenzen unterwegs, wird samt und sonders von einem slowakischen Medienunternehmer geschluckt. Ein Musterbeispiel dafür, wie Österreichs Wirtschaft mit Tatkraft und Courage von der Ostöffnung profitieren konnte, unter der Kontrolle eines Slowaken? Wer ist dieser Richard Flimel, fragte sich wohl der Großteil der Kommunikationsbranche, als am Mittwoch, dem 28. November, entsprechende Eilmeldungen auf den Bildschirmen aufpoppten. Viel wissen wir noch nicht über ihn, einer spontanen Kontaktaufnahme hat er sich verweigert. Sein Lebenslauf liest sich einigermaßen beeindruckend: Management-Studium in Bratislava, MBA in New Hampshire, Jus-Abschluss an der Columbia University School of Law in New York, Berufserfahrungen in Banken und Rechtsanwaltskanzleien – und seit 2007 eben Medienunternehmer.

Es darf dennoch davon ausgegangen werden, dass der Raiffeisen’sche Ehrgeiz es lieber gesehen hätte, wenn man das Unternehmen, an dessen überambitionierten Expansionsplänen man seit dem Jahr 2003 großen Anteil hatte, aus eigener Kraft hätte sanieren können. Das heißt auf der anderen Seite: Sogar die „bright minds“ unter dem Giebelkreuz sahen offenbar keinen Weg, die Epamedia aus eigener Kraft zu retten. In der Raiffeisen-Welt wird der Verkauf nicht als Ruhmesblatt gehandelt.

Aber warum eigentlich? Weshalb jegliche Scham? In größerem Kontext ist der Verkauf der Epamedia an Flimel auch ein Zeichen dafür, dass Normalität einzieht an der Grenze zwischen dem ehemaligen Osten und dem ehemaligen Westen Europas. Der Wirtschaftskolonialismus kommt langsam an sein Ende, die „emerging markets“ sind reif geworden, oder zumindest sorgt die Krise dafür, dass sich die Märkte und die darin schlummernden Chancen und Risiken deutlich weniger voneinander unterscheiden als noch vor fünf Jahren.

Das ist die neue Realität: Auch Medienunternehmen im Westen kann es richtig schlecht gehen, ebenso gibt es auch im Osten regelrechte Goldgruben. Gewöhnen wir uns daran, denn Flimel beispielsweise ist nach weiterer Expansion zu Mute. Zu „vernünftigen Preisen“ würde er auch Print­medien oder Rundfunksender kaufen, sagt er dem tschechischen Branchendienst „Medienguru“. Er ist fest entschlossen, ein „bedeutender Medien-Player in Zentral- und Osteuropa zu werden – und siehe da, da gehört Österreich eben dazu. Und Flimel sagt auch noch etwas anderes: „Jetzt herrscht zwar Krise, aber die Schere zwischen den Ländern im westlichen und östlichen Teil Europas geht zu. In den Medien ist das noch nicht so stark zu spüren, aber eines Tages schließt sie sich.“ Dieser Tag ist an diesem Mittwoch ein bedeutendes Stück näher gerückt.
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