Die Renaissance der Lesezirkel
 

Die Renaissance der Lesezirkel

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Jenseits des HORIZONT

Man kann Facebook hassen und verachten. Manchmal muss man dankbar sein. Und manchmal verwundert. Die großen Verlage gehen aktuell vor Facebook in die Knie, hat es den Anschein. Sie liefern Facebook ihre Headlines und Hauptstorys zu. Direkt, kostenlos. Facebook wird mit „Instant Articles“ zum News-Channel. Zum Medium für alles: wohlfühlen, hassen, trashen, Daten und Welterfahren klingt nach „Instant Coffee“. Spiegel ist dabei, die Financial Times, The Guardian, BBC und natürlich Bild. Facebook-Members lesen Spiegel-Aufmacher, ohne auf Spiegel Online zu gehen, zu lesen. Man bleibt in der Facebook-Welt.

Mehr als 200 Facebook-Friends hat man als Jugendlicher. Später werden es weniger. Nun hört und liest man, dass in den USA und mittlerweile in Deutschland immer mehr Lesezirkel entstehen. Face-to-face sprechen Menschen über Bücher. Und tun das, was der gute Zuckerberg ursprünglich wollte. Über virtuelle Communitys das direkte Zusammensein fördern.
In England sind die Public-Reading-Veranstaltungen Mega-Events. Tausende Jugendliche lassen sich ­öffentlich vorlesen, lesen mit – auf ­E-Readern, immer häufiger auch in haptisch greifbaren Büchern, chatten miteinander, kuscheln.
Die Reading Groups in den USA haben schon über 45 Millionen Mitglieder. Das heißt: Zumindest 150 Millionen Bücher werden von ihnen gelesen. Zumeist intensiv, Zeile für Zeile – quer durch die Belletristik, bisweilen auch aktuelle Sachbücher.

Verlage beobachten diese Gruppen, schließen daraus, welche Bücher gut gehen können, orientieren ihre Editionen danach. Big Brother kann es nicht lassen: Er muss observieren, beobachten.

Zwischendurch chatten und messagen die Members der Reading-Groups miteinander, geben einander Buchtipps. Mashable war so eine Buchempfehlungsgruppe im digitalen Segment. Amazon hat sie übrigens aufgekauft. Um besseres Targeting betreiben zu können. „Menschen, die dieses Buch gelesen, gekauft haben,  kaufen möglicherweise auch …“
Reading Groups erinnern an Biedermeier-Salons. Die bürgerliche Welt trifft sich – bei Kuchen und Kaffee, im Ambiente zwischen Spitzweg, Waldmüller, Meissner und Danhauser – und debattiert: Grass oder Wallace, Plath oder selbst Ökonomen wie Piketty.

Hoffnung des verbiesterten Buchgläubigen taucht auf: in der Tat erholt sich der Buch- und Verlagsmarkt. Nicht mehr RTL war im Jahr 2014 die Cashcow und der Umsatz-Driver bei Bertelsmann, sondern Random/Penguin: Dank sensationeller Bestseller wie „Shades of Grey“ unter anderem.

Übrigens: Laut jüngster Erhebung zählt Facebook zu den profitabelsten Medienhäusern weltweit: mit einer Umsatzrendite von 48 Prozent. Etwas besser ist lediglich Televisa aus Mexiko: Die wiederum haben die Soap Operas erfunden. Heile Welt für die Bewohner der Favelas und Hüttenstädte.
Lagerfeuer allerorten: Neue heile Welt? Vielleicht hat Facebook, in die Jahre gekommen wie ein kleinbürgerlich gewordener, etwas nerdiger Rebell, doch was Gutes.

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