Die Optimierung ist der Beginn des Untergangs
 

Die Optimierung ist der Beginn des Untergangs

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Jenseits des HORIZONT

Apple enttäuscht. Die Anleger sind desillusioniert, die Verkäufe schwächeln erstmals deutlich. Viele warten auf den nächsten großen Coup und werden jedes Mal enttäuscht. Da eine Verbesserung, dort eine kleine Korrektur, ein paar Gigabyte mehr Speicher und neue Abmessungen. Mini, maxi, simpel oder luxuriös. Viel mehr bringt Apple nicht mehr zusammen. Das erinnert an die Zeiten des langsamen ­Abstiegs von Nokia, als man statt neuen Denkens lediglich mehr Pixel angeboten hat. Verfall beginnt mit Verbesserungen. Wo einem nichts Neues einfällt, wird Kosmetik am ­Alten betrieben.

Facebook geht es ähnlich. Man rudert und ­eiert herum, die Börsen üben Druck aus, die Gesellschaft beginnt misstrauisch zu werden. Steckt hinter der großen Freiheitsideologie der Freundschaftsgesten nichts anderes als simples Advertising Business verbunden mit Beherrschungswahn?

Google geht anders vor. Der Monopolist des Wissenszugangs und der Suchästhetik will seine Welt jede Minute neu erfinden. Und zwar jenseits des klassischen Business: Selbststeuernde Autos, selbstversorgende Smart Cities, semantische Maschinen und Hybride, virtuelle Univer­sitäten. Hinter Google steckt die ungebändigte Neugierde des wissenschaftlichen, erkenntnis-orientierten Handelns. Deswegen muss Google nicht besser, weniger ertragsorientiert und ­weltbeherrschungsmächtiger sein als seine ­Konkurrenz. Im Gegenteil: Google ist gefräßig. Mit hoher Verdauungsgeschwindigkeit. Und lernfähig. Wer nicht aufgibt, wird gecancelt. Google will keine offenen Systeme, sondern gibt lediglich vor, offen und liberal zu sein, und setzt seine gesamte Einflussmacht ein, wenn es heißt, Leistungsschutzabgaben zu zahlen, Verlage und deren Autoren zu entschädigen oder partizipieren zu lassen.

Google lässt sich schwer von seinem Weg abbringen: Der gläserne Mensch, die totale Erfassung der Welt ist dem Unternehmen immanent. Das macht Google enorm kreativ und hält es jung. Ebenso wie Amazon, das sich nicht begnügt, weltweit größter Online-Händler zu sein, Amazon will Weltlogistik werden – das mutet wie Weltlenker an. Ohne Amazon fließt nichts, bewegt sich nichts. IBM hält dem Ganzen Big Data entgegen. Irgendwo widersprüchlich: Jene, die für Big Data verantwortlich sind, die Googles, Facebooks und sonstigen Web-Dominatoren, haben die Explosion von Bits und Daten von News und digitalem Müll erst verursacht.

Und die großen Dienstleister – von Microsoft, das gegenüber IBM wie ein alter Mann auf Krücken wirkt – nehmen den Ball auf, versprechen das Dickicht, das sie selbst verursachen, zu entwirren. Als ob Augias den Stall, den er ausmisten muss, selbst zugemistet hätte.

Die neuen Weltbeherrscher – einige davon längst dem langsamen Decline geweiht – verhalten sich wie klassische Kapitalisten. Und würgen an dem, was sie arrogiert haben.

[Jenseits des HORIZONT]
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