Die Missbrauchs­mediokratie
 

Die Missbrauchs­mediokratie

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Jenseits des HORIZONT

In einigen Tagen werden die Österreicher dazu befragt, ob sie für die Beibehaltung der Wehrpflicht mit Zivildienst seien, oder ein (Profi-)Berufsheer wollten. Eine Befragung, initiiert aus der Laune eines Politikers, der seine absolute Mehrheit sichern wollte (und sie verlor), und nochmals manifestiert durch einen zweiten Politiker, der vor seiner Wiederwahl nochmals mobilisieren wollte. Man wird sehen.
Die Befragung soll, so die herrschenden Parteien, verbindlich sein. Also eine Quasi-Volksabstimmung.
Ein paar Wochen später – in letzter Minute wurde sogar noch die Landesverfassung geändert, um den Termin zu sichern, da man auf die ­eigenen Gesetze vergessen hatte – werden die Wiener zu mühselig gedrechselten, in ihrer Relevanz zu hinterfragenden vier Themen befragt. Im Kern geht es um die Bewirtschaftung des öffent­lichen „Parkraumes“.
Dazu kommen ein paar, teilweise durch Skandale erzwungene, Landtagswahlen, deren Terminfestsetzung an den Grenzen des Demokratischen schrammte.
Es lebe der Souverän. Es herrsche die Willkür. Es werde der Zynismus gelebt. Die Parteien, zum Teil selbst in Skandale involviert, schrumpfend, gerieren sich als Populisten und Propagandisten, verwenden Begriffe und Anspielungen an histo­rische Ereignisse, die schaudern lassen.

Und die Medien? Die kampagnisieren. Die ­Kronen Zeitung verbeißt sich in das Berufsheer, nutzt und benutzt Österreichs chauvinistische Spitzensportler und ist sich offensichtlich des ­Risikos nicht bewusst, das sie eingeht. Wenn auch diese Kampagne nicht erfolgreich ist (wie seinerzeit die Anti-EU-Kampagne), hat die Krone ihren Nimbus als Leitmedium und heimliche Regierung endgültig verloren. Das wird auch ökono­mische Folgen haben.

Die meisten anderen Medien verkrallen sich, je nach vorhandener Zugangsästhetik, in Finanzskandale der Regierung, Beratungsorgien der staatsnahen Unternehmen oder, je nach Bedarf und Inseratenlage, in machtpolitische Willkommens-Scharmützel.

Sie sind – zum Großteil – nicht besser als die Parteien und das System, das sie, je nach Auftrag, kritisieren oder diskriminieren. Die vierte Gewalt ist zur fünften Kolonne geworden.

Was schert uns Wahrheit, Aufklärung, Informationsethik, wenn es darum geht, jeweils genehme Schlagzeilen zu antizipieren. Zum Schaudern.
Demokratie und Mediokratie reichen einander die syntaktischen Differenzierungen. Für Linguisten ist das interessant. Für interessierte Bürger und Medienkonsumenten ein Grund, sich noch deutlicher abzuwenden.

Bürger sucht Medium. Und bekommt schlechte Unterhaltung.

[Jenseits des HORIZONT]
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