Die Lieblingsmusik der Süddeutschen
 

Die Lieblingsmusik der Süddeutschen

Kommentar von Birgit Schaller

Manchmal geht die Fantasie mit einem durch, auch mit mir. Bei einem entspannten Wochenend-Trip in südlichere Gefilde, auf der Flucht vor Kälte und Wasser, führte ich mir diverse ­Medien zu Gemüte, on- wie offline. Da­runter die ehrwürdige Süddeutsche (SZ). So las ich mich von der immer noch Bayern-München-dominierten mehrseitigen Fußballberichterstattung durch das Feuilleton inklusive Bericht über einen Höllentrip nach Los Angeles mit höchst spannenden Details zur offenbar doch geplanten Stadtentwicklung dort, bis zur Biennale in Venedig. Wussten Sie, dass die mit einem Goldenen Löwen aus­gezeichnete Künstlerin Maria Lassnig diesen gar nicht abholte: „Ich bin zu alt und in der Stadt ist zu viel Wasser“, ließ sie ausrichten. Im süddeutschen Qualitätsblatt erfährt man diese Details.

Dann stolperte ich über eine interessante Seite – eine Werbung? „Lieblingsmusik“ war der Titel. In zwölf Kategorien von „Knutschen“ über „Nachts heimgehen“, „Tanzen“, „Putzen“ und „Kochen“ fand sich ein Sammelsurium hochwertiger Songs nach Themen, ausgewählt von bekannten Musikern unter dem Motto: Was hört Cro zum „Joggen“? Welchen Song legen Sportfreunde Stiller zum „Kofferpacken“ auf? Weitere Info: „Die vollständige Playlist kannst du auf Spotify hören.“

Aha, ich war natürlich in der Sekunde überzeugt, dass hier die SZ über ihren ­Jugendableger "Jetzt" (eine Beilage, die sechs Mal jährlich erscheint und ­mit Jetzt.de eine wirklich coole Online-Version im Netz hat) ein neues finanzielles Feld bestellt – Geld verdienen über den Verkauf musikalischer Compilations. „Die Printmedien sind ja wirklich schon sehr ­kreativ in ihrer Not“, denke ich heimlich, „Ausverkauf, wohin man blickt.“ Ich recherchiere jedoch und erfahre: „Wir möchten künftig die Musik auf Jetzt.de mit Spotify einbinden, statt wie bisher mit YouTube, wo die Künstler nicht entlohnt werden.“ Und: Nein, die SZ verdient daran nichts und wird das auch langfristig nicht. Qualität hilft Qualität, das gefällt mir dann doch besser als das übernächste Geschäftsmodell.
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