Die langen und die kurzen Wege
 

Die langen und die kurzen Wege

Kommentar von Andreas Hierzenberger

Zugegeben: In Form simplifizierter Diagramme und schematischer Floor Plans kann man Wrabetz’ trimedialen ORF-Center-Plänen zumindest in ästhetischer Hinsicht etwas abgewinnen. Dass Vermischung auch in der Realität  funktionieren kann, zeigt zum Beispiel die Multi-Redaktion am Österreich-Stammsitz. Ganz schön Science Fiction, produktives Gewusel, da tut sich was. Die Zusammenziehung von Ressourcen zwecks Ersparnis, die als Wegverkürzung verkauft sein will, funktioniert aber nicht in allen Sparten der Medienwelt gleich gut.

Die Vernunft, als die sich das ewige Kosten-Nutzen-Scheingefecht überschminkt, offenbart konkret beim Thema mögliche Aufgabe des Standorts Funkhaus Argentinierstraße die weltfremde Fratze. Wenn der Bewegtbild-ORF sein Standardprogramm im entrückten, verschlafenen, langwegig erreichbaren Villenviertel am Stadtrand produzieren will, sei’s drum. Vielleicht schafft der schöne Ausblick vom Küniglberg die dem Öffentlich-Recht­lichen de lege lata verschriebene Distanz zum Weltgeschehen. Geht es aber um Kultur – und hier spielen Radio Wien, FM4, an allererster Stelle aber Ö1 die erste Geige im ORF-Orchester –, hört sich der Nutzen des Controllertums schlagartig auf. Radio muss am Puls der Themen bleiben – es gibt keine Schnittbilder, die räumliche und ideologische Distanz ablenkend überbrücken. Radio muss direkt sein. Und hier in Wieden, im Herzen der Stadt, umgeben von Kultur, Geschichte, Stadtleben in aller Varietät, hat die Stimme aus dem Äther nicht nur ausgezeichneten Nährboden (und eine einzigartige Raumakustik), hier liegen die Themen quasi „auf der Straße“ und vor der Haustür. So verkürzt man heute Wege.
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