Die große Lüge der Sharing Economy
 

Die große Lüge der Sharing Economy

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Kommentar von Jakob Steinschaden

Das kleine Wörtchen „Sharing“ ist im Netz omnipräsent. Auf Facebook, Twitter und Google+ werden Fotos, Links und Kommentare im Sekundenrhythmus in den Nachrichten-Streams der Freunde und Follower geshart, und auch im Analogen greift die Sharing-Idee immer mehr um sich. Die Reise-Plattform airbnb.com aus San Francisco  ist einer der großen Treiber der sogenannten „Sharing Economy“ und vermittelt Privatunterkünfte an Individualreisende. Sie öffnet damit Türen zu Wohnungen, Villen oder Baumhäusern, die man so nicht so ohne Weiteres betreten hätte, und bringt den Reisenden in Nahkontakt mit „Locals“, was viele für essenziell für authentische Urlaubs­erlebnisse befinden. Sharing wird auch im Individualverkehr vorangetrieben: Bei Car2Go von Betreiber Daimler teilt man sich dessen Autoflotte mit Zehntausenden anderen Wienern. In den USA ist die Sharing-Ökonomie schon ein Stück weiter. Dort kann man sein ungebrauchtes Fahrrad (www.binlister.com), seine leer stehende Garage (www.parkingpanda.com) oder seine ungenutzte Bohrmaschine (www.snapgoods.com) anderen zugänglich machen, und über die Webseite www.rentoid.com sind sowieso sämtliche Dinge des ­Alltags vermietbar.

Letztere Webseite bringt ein wenig Ehrlichkeit in die Sharing Economy, weil sie immerhin das kleine Wörtchen „rent“ im Namen trägt. Denn um nichts anderes geht es beim Sharen: Es werden von der Couch über das Auto bis zum Werkzeugkasten Dinge gegen Bares gemietet, nicht mehr und nicht weniger. Dass diese Dinge meist nicht von großen Unternehmen, sondern von Privatpersonen vermietet werden, macht die Angelegenheit halt charmanter und persönlicher. Am Ende des Urlaubs wird man als Airbnb-Nutzer aber feststellen, dass man das schicke Loft in Brooklyn und dessen hippen Besitzer auch nur deswegen kennenlernen durfte, weil die Kasse klingelte. Dass Menschen anderen Menschen etwas vermieten, ist nur, weil die Kontaktaufnahme via Internet erledigt wird, nichts Neues – die „Zimmer frei“-Fahnen wehen schon seit vielen Jahren.

Ob sich diese „Rent Economy“, wie sie ehrlicherweise heißen sollte, durchsetzt, bleibt abzuwarten. Noch nutzen eher junge Menschen mit der nötigen Neugier die neuen Dienste – Anbieter Airbnb, der bei der Vermietung zwischen sechs und zwölf Prozent Vermittlungsprovision mitschneidet, wird schon als Milliarden-Dollar-­Company gehandelt. Auch in Österreich fühlen sich viele davon angesprochen. Wer mitmacht, sollte sich aber dessen gewahr sein, dass „Sharing“ die Kommerzialisierung des Privaten bedeutet.

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