Die Doppelmoral des Zuckerberg
 

Die Doppelmoral des Zuckerberg

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Kommentar von Jakob Steinschaden

„Facebook war immer ein Ort für Leute aus der ganzen Welt, um hier ihre Ansichten und Ideen zu teilen“, hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, am Tag nach den Anschlägen in Paris, die weltweit als Attacke auf die Meinungsfreiheit wahrgenommen werden, auf seine Seite geschrieben. Er selbst sieht sich als Opfer eines ­pakistanischen Extremisten, der vor einigen Jahren Zuckerbergs Tod ­verlangte, weil das Social Network ­damals die Mohammed-Karikaturen nicht löschen wollte.

Zuckerberg, der große Verfechter der Meinungsfreiheit in der digitalen Ära? Mitnichten. Wie er selbst zugibt, muss sich Facebook stets an die Gesetze der jeweiligen Länder halten, in denen es seine Dienste anbietet. Dem Transparenzreport von Facebook zufolge werden in Ländern wie Indien, Türkei oder Pakistan auf Verlangen staatlicher Behörden jährlich Tausende Inhalte ­gelöscht. Fragwürdig ist auch der Fall eines Facebook-Postings des paki­stanischen Schauspielers Hamza Ali Abbasi, der infrage stellte, ob die ­Bezeichnung von Schwarzen als „Nigger“ freie Meinungsäußerung sei. Sein Beitrag wurde von Facebook zuerst unter Berufung auf die Gemeinschaftsstandards gelöscht, die Löschung nach massiver Kritik von Usern dann wieder als „Fehler“ bezeichnet. Leider könne man das Posting nicht wiederherstellen, aber Abbasi stehe frei, den Beitrag noch einmal zu veröffentlichen.

Ebenfalls kontrovers ist der Umgang von Facebook mit dem Video des Parisers Jordi M.: Er filmte die Tötung des Pariser Polizisten Ahmed Merabet durch die Attentäter und stellte den 42 Sekunden langen Clip auf Facebook. Er bereute die Veröffentlichung sofort und löschte das Video eigenen Angaben zufolge nach 15 Minuten – verbreitet hat es sich trotzdem im ganzen Netz. User forderten von Facebook die Löschung der verstörenden Bilder. Und so wird wieder klar: Facebook operiert nicht nach ethischen Regeln, sondern folgt politischen und wirtschaftlichen Überlegungen. In der Praxis heißt das: Man beugt sich zum einen staatlicher Zensur und lässt zum anderen Content online, der viele Klicks bringt.
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