Der Totalitarismus der Transparenz
 

Der Totalitarismus der Transparenz

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Jenseits des HORIZONT

Ich gestehe, Transparenz ist mir nicht geheuer. Der allgemeine Ruf nach ­Offenlegung von allem und jedem macht mir Angst. Angst macht mir, wenn die Vorsitzende der Grünen, jene Partei der aufrechten Bürger und Kleinbürger und Nachhaltigen, totale Transparenz verlangt. Die totale Transparenz haben früher Diktatoren verordnet. Weit entfernt sind wir nicht.

Totale Transparenz ist Zeichen des Totalitarismus im umweltschonenden Kostüm der Gerechten und Aufrechten. Totalitarismus ist die totale Überwachung. Altmodischerweise bin ich davon überzeugt, dass es die Trennung zwischen Privatem und Öffent­lichem geben müsste. Ohne diese Trennung kann Emanzipation und Selbstverwirklichung, kann Demo­kratie nicht gelebt werden.

Mir bereitet Unbehagen und mich beschleicht ein diffuses Gefühl des ­Unfreiseins, wenn sich diejenigen, die totale Transparenz verlangen, gleichzeitig als unermüdliche Kämpfer für Datenschutz, Datensicherheit und Datenkontrolle einsetzen. Und für ­direkte Demokratie, solange sie nicht selbst in der Verantwortlichkeit der Gestaltung des Rechtsstaates und auch der Verwaltung sind. Transparenz wird so zur absoluten Finsternis des Lichts.

Mich macht traurig, wenn Kulturpolitik keinen Stellenwert hat, außer, dass Subventionen transparent auf den Cent genau abgerechnet werden sollen und Kulturtreibende nach der öffentlichen Nachvollziehbarkeit der Mittelverwendung gemessen werden. Das ist Totalitarismus des Kleingeistes.

Mir ist nicht gleichgültig, wenn ­Bildung mit Ausbildung gleichgesetzt wird und Bevormundung mit Bürgerschutz. Das ist Totalitarismus des Zweckrationalen und Absage an Freiheit und Fantasie des neugierigen Geistes.

Ich bin altmodischer Verfechter des strikten Trennens zwischen Privat und Öffentlich, zwischen Politik und Intimem, zwischen Bourgeois und ­Citoyen.

Wenn das Private öffentlich werden soll, wird das Politische beliebig und das Poetische verschwindet. Wenn Transparenz zum Lebensprinzip wird, wird Sprache zum Herrschaftsinstrument der Stummen. Transparenz kennt weder Widerspruch noch Fehler. Und wohl auch nicht Scham. Wo Transparenz, da kein Ego, sondern lediglich das Ich.

Transparenz erinnert mich an den Totalitarismus der Diktatur der Selbstgerechten, an Negation von Freiheit und Demokratie und ständiger Berufung auf sie. Die Chimäre der Basisdemokratie gepaart mit investigativer Lust, gemein Schnüffelei. Alles korrekt. Alles total transparent. Grausam glatt. Man wünscht sich wieder graue Zeiten.

[Jenseits des HORIZONT]
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