Der öffentlich Gerechte – Gerd Bacher zum Ged...
 

Der öffentlich Gerechte – Gerd Bacher zum Gedenken

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Jenseits des HORIZONT

Bis zuletzt war er grantelnd, interessiert, sprachmächtig. VerärGerd darüber, dass seine Mobilität eingeschränkt war. Der Tiger in den Fesseln des ­Alters. Fast 90 ist er geworden.

Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte er die mediale Revolution ausgerufen, umgesetzt und bis heute die Grundfeste für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestimmt. ORF-Redakteure, bei denen interveniert wird, die sich Repressalien ausgesetzt fühlen, berufen sich bis heute auf Gerd Bacher.
Die österreichische Presselandschaft sollte ihm und Kollege Hugo Portisch – und nicht zu vergessen auch Fritz Czoklich – bis heute dankbar sein. Ohne Gerd Bacher gäbe es keine freie österreichische Presse – freilich auch keinen Boulevard.

Er war störrisch, rechthaberisch. Machtmensch. Nicht ohne Grund stammt die Metapher der „Orgel“ von ihm. Ebenso wie das ORF-Auge, das er mit dem genialen Erich Sokol erfunden hat. Er war Informationsfetischist, als es Newsing noch nicht gab. Er war unerbitterlich. Den „Ö3-Wecker“ wollte er verbieten, die Volksmusik hat er verbannt. Den Wecker ließ er dann zu, weil man ihm mit Argumenten ent­gegentrat. Trat – im wahrsten Sinne des Wortes. Er konnte einstecken. Trotz Selbstverliebtheit in seine singende, kaskadierende Sprache mit den künstlichen Dehnungen.
Er war besessen. Von seinem Medium. Hat wahrscheinlich jede Sendung gesehen, gehört. Er war streng konservativ, revolutionär. An das Strümpfegebot und kurzärmlige Hemden-Verbot erinnern sich alle. Und an 8-Uhr-Kontrollen in den Abteilungen.

Er war objektiv. Er schätzte den strammrechten Alfons Dalma und verteidigte ihn ebenso wie den linken Franz Kreuzer, die „spinnenden“ E. W. Marboes und Kuno Knöbls. Selbst den Wurschtel Nenning schätzte er im Gegensatz zu Bruno Kreisky, der ihm als einziger geistig die Stirn bieten konnte. Und der ihn nicht mochte. Ausdrücklich. Verfolgen konnten sie beide recht gut. Bacher und Kreisky.

Er hat sich mit dem Rückzug nie abfinden können. Er brauchte Medien, die Orgel, die Macht, die Tobsuchtsanfälle, das Gespräch unter Mündigen.
Er litt unter dem ORF, wie er sich jetzt darstellt, liebte Ö1. Er verkrampfte sich ob des unwürdigen Karl-Schranz-Spektakels. Aber er sagte nichts. Chauvinismus war ihm ein Gräuel.

Patriot war er. Und Internationalist. 3sat wäre ohne ihn nicht möglich gewesen. Die Allianz mit Kirch hat den Wienern das Rathaus-Festival geschenkt, vermittelt durch Zilk und Co.

Er hatte viele Fehler, hat Menschen empfindlich verletzt. Empfindsamkeit zu zeigen, war nicht Seines. Aber er war musisch. Ein Berliozianer.
Er war der Mahner: „Österreich I“ und „Österreich II“ waren eine Großtat, das „Dorf an der Grenze“ auch, das „Planquadrat“ als erste partizipative Sendung, der „Club 2“, die „Alpensaga“ und mehr. Und die „ZIB“, die Informationsmaschine des ORF, der beste Nachrichten- und Hintergrundsender Europas. Und Ö3 – eine Revolution im Unterhaltungs- und Live-Radio.
Die Mödlinger Tänze mögen ihn begleiten.

[Jenseits des HORIZONT]
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