Der Medienmann des Jahrzehnts
 

Der Medienmann des Jahrzehnts

In einer Zeit, in der die Musikbranche aufgrund von Piraterie absackt, macht er goldene Gewinne mit CDs.

In einer Zeit, in der die Musikbranche aufgrund von Piraterie absackt, macht er goldene Gewinne mit CDs. In einer Zeit, in der die klassischen Medien Kundschaft verlieren, produziert er TV-Sendungen mit Reichweiten, wie man sie nur aus den 60ern kennt. Manche halten ihn für ein Genie. Andere für einen Ungustl, der bloß sagenhaftes Glück hatte. Hält Simon Cowells Glückssträhne an, dann ist er in wenigen Jahren der reichste Mann im Unterhaltungsgeschäft.

Sein märchenhafter Aufstieg begann mit einer Fehleinschätzung. Im Jahr 2000 war ITV, Großbritanniens größter Privatsender, auf ein neues Format gestoßen. „Popstars“ erwies sich als erfolgreiche Sendung, doch Cowell, ein mittleres Licht in der Musikbranche, hatte die Rolle des Jurors ab­gelehnt. Sein Ersatzmann wurde mit bissigen ­Kommentaren bekannt und machte sein Glück in ­Amerika. Eine Jahrhundertgelegenheit: Cowell schnappte sich die Idee und setzte sie unter dem Titel „Pop Idol“ größer und dramatischer um. Ein Reichweiten-Hit, dessen Format von Sony, die im Besitz der Urheberrechte sind, rund um die Welt verkauft wird. 2003 benannte Cowell die Sendung in „X Factor“ um und schoss mit „Britain’s Got Talent“ eine zweite Show nach.

Erstaunlicherweise nützt sich der Erfolg nicht ab: Die Reichweiten legten im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent zu, weil der Funke von der Jugend auf die Erwachsenen übergesprungen ist (70 Prozent der Seher sind über 35). Ein Grund dafür ist, dass Tageszeitungen und Magazine aufgesprungen sind und ausführlich über die Kandidaten berichten. Manche Kommentatoren mutmaßen, dass es in der Bevölkerung einen starken Wunsch gibt, endlich ein TV-Programm zu haben, über das man mit jedem reden kann.

Dabei spielt das Internet eine enorme Rolle: Wer die Sendung verpasst hat, sieht sich Ausschnitte auf YouTube an. Zusätzlich breitet sich der Tratsch via Twitter und Social Networks aus (die offizielle X-Factor-Site auf Facebook hat fast zwei Millionen Mitglieder!). Das macht verständlich, warum das jüngste Finale von „X Factor“ einen Spitzenwert von fast 70 Prozent (!!) Reichweite erzielte. Angeblich wurden die 30-Sekunden-Werbeplätze im Finale um 270.000 Euro verkauft. Es kommt noch ­besser: Cowell verdient zusätzlich an den Telefonanrufen des Publikums – an den zwei Tagen Endausscheidung waren rund zehn Millionen Anrufer in der Leitung. Cowell erhält also nicht nur Marktforschung in Echtzeit gratis, er wird sogar noch dafür bezahlt. Wenige Tage nach dem Finale kommt die CD des Siegers auf den Markt – ein garantierter Weihnachts-Hit. Cowell kassiert mithin ein drittes Mal, selbst wenn viele Wettbewerbsgewinner rasch wieder in der Versenkung verschwinden.

Die Mischung aus Live-Musik, Drama, Voyeurismus, Talentsuche plus die Gelegenheit, seine Meinung per Abstimmung kundzutun, ist der beste Reichweiten-Garant. Eine Gesellschaft, die in lauter Partikularinteressen zerfällt, braucht offenbar dringend einen gemeinsamen Gesprächsstoff (Klimawandel ist vergleichsweise deprimierend) …

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