Der Journalist als Sozialaktivist
 

Der Journalist als Sozialaktivist

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Kolumne von Walter Braun

Übelster Gesinnungsjournalismus war kürzlich im Standard zu registrieren. Da beklagt ein aus Frankreich ­berichtender Herr Brändle über eine „Schande Europas.“ Nicht nur, dass er den Stein des Anstoßes – die Lage von gestrandeten Einwanderern in Calais, die keine Einreisegenehmigung nach England erhalten – völlig falsch darstellt, der Mann schäumt vor Wut. ­Beschuldigt ganz Großbritannien und Ungarn in einem Aufwaschen mit dazu. Hat der Herr zu tief ins Pastisglas geschaut? Wenn ja, warum veröffentlicht der Standard so einen Stuss?

Ein echter Journalist recherchiert und stellt keine moralischen Forderungen nach „Solidarität.“ Zwischen 2001 und 2011 wanderten drei Millionen in Großbritannien ein. Zwischen Herbst 2013 und Herbst 2014 kamen offiziell 624.000 Menschen ins Land. Wie kann ein Außenstehender reklamieren, das wäre „zu wenig“? Wie können sich ­Politiker anmaßen, ein ganzes Land umerziehen und drangsalieren zu wollen? Sind wir bereits in einem post-demokratischen Europa gelandet, wo wir zwangsweise zu „neuen Europäern“ umgeschult werden?

Eine aktuelle Befragung im Auftrag des Magazins Stern zeigte, dass in Deutschland 44 Prozent der Befürchtung, die Medien wären „von oben gesteuert“ und brächten „geschönte und unzutreffende Meldungen“, mehr oder weniger zustimmen. Im Sommer brachte eine repräsentative Umfrage zutage, dass 53 Prozent der Deutschen wenig Vertrauen in die politische ­Berichterstattung der Medien hätten.
Der Job von Journalisten ist, die Welt kritisch zu beäugen, nicht Laufbursche von Interessen zu sein. Nachrichtenjournalisten sollten sich auf die Suche nach Ursachen und Hintergründen machen, die Lage ausgewogen darstellen und alle Seiten zu Wort kommen lassen. Das scheint ein überholtes Konzept zu sein. Stattdessen wird die Empörungsindustrie großzügig bedient.

Mittlerweile kommt viel Datenmaterial aus einer einschlägigen Quelle: internationale Organisationen. ­Denen gegenüber wird mit einem Wohlwollen verfahren, das an Untertänigkeit grenzt. NGO haben weitreichende Eigeninteressen, die keineswegs über alle Kritik erhaben sind. Dennoch machen die meisten ­Medien mit und unterstützen die Großhändler des schlechten Gewissens.
Dasselbe passiert im Umweltbereich: Über Klimaerwärmung wird in höchst dramatischen Worten berichtet, mit der Absicht, Leser in Angst und Schrecken zu versetzen (obwohl sie nichts tun können, um die Situation zu ändern). In den Redaktionen hat eine erschreckende Selbstherrlichkeit um sich gegriffen.

Gegenvorschlag: Anstatt die Leser in Moralinsäure einzuweichen, könnte man ihnen respektvoll das Endurteil überlassen. Wie der deutsche Fernsehmoderator Hajo Friedrichs einmal einprägsam feststellte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“
Diese Worte sollte man den Brändles dieser Welt einbrennen …

[Walter Braun]  
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