Dem iAge gerade noch entronnen …
 

Dem iAge gerade noch entronnen …

Kommentar von Andreas Hierzenberger

Das Internet hat, aktuelle Spionagediskussionen ausgeklammert, aus dankbar kritiklosen Konsumenten selbstbewusste Individualisten gemacht. Diese Evolution ist der nahezu frei verfüg­baren Information zu verdanken, die sich Zweifler nun in Eigenregie oder im Zuge von Diskussionen und Erfahrungsberichten in Foren und anderen sozialen Medien aneignen dürfen.

Dass die Marketing- und Werbe­branche mit dieser Entwicklung absolut nicht glücklich ist, liegt in der Natur der Sache. Es gilt nämlich, sich schwer ins Zeug zu legen – die Wahl ist ja auch die Qual derer, die ihr Produkt nun in noch einmal so kompetitivem Umfeld an den Zahlenden bringen müssen. Werbe­legende Alfred Koblinger weiß das wie kaum ein anderer. „iAge“, taufte der ­Dialogmarketing-Pionier das neue Zeitalter süffisant, das eine Kundengattung hervorgebracht hat, die sich aus seiner Sicht egoistisch und narzisstisch der Vereinnahmung durch leere und ­falsche Werbeversprechen entgegenstemmt. Ja, da steckt die Marktschreierei fürwahr in der Klemme.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich im iAge kleine und gröbere Fehltritte der Konzerne – egal ob rassistischer, politischer, sexistischer, juristischer oder ­ökologischer Natur – in Netzgeschwindigkeit herumsprechen, noch bevor
sie unter den Mantel des Schweigens ­gekehrt werden können.
Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma: „iHonesty“. Zu den Fehlern stehen, sich gerademachen, den enttäuschten Kunden um Verzeihung bitten und einmal wahrhaftig Buße tun.

Denkste. Das Dialogmarketing verschwendet an einen möglichen Canossagang keinen Gedanken. Stattdessen wird gespindoctort. Man lenkt mit neunstelligen Budgets von den „Hoppa­las“ ab, setzt stattdessen am Geltungsbedürfnis des „egoistischen“ Rezipienten an. Dieses nennt man ­(O-Ton Koblinger) „Sehnsucht nach ­Zugehörigkeit“ und macht ihn in Folge zum Mittäter, zum enga­gierten, mit Marken­botschaft aufgeladenen Kollaborateur.

Schade – wieder eine Chance verpasst.
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