Das neue Gold der Weltwirtschaft
 

Das neue Gold der Weltwirtschaft

Kommentar von Walter Braun

Bei dem in Davos stattgefundenen Treffen drehten sich einige Gespräche um ein völlig neues ökonomisches Asset: Big Data. Datenberge haben wir schon jetzt, aber drei Dinge haben sich geändert:

  • Das Internet produziert eine nie gesehene Fülle von Eindrücken, Beobachtungen, Analysen – der gesamte Webverkehr, inklusive der sozialen Medien, verdoppelt die theoretisch vorhandene Datenfülle alle zwei Jahre, wie die Marktforschungsfirma IDC mutmaßt. Bis Jahresende wird die Digitalsphäre ein Datenvolumen produzieren, das zu seiner Speicherung circa 700 Milliarden(!) DVDs bräuchte.


  • Die gesamte Welt ist von Maschinen, Sensoren und Software durchzogen, die ununterbrochen Werte abwerfen.


  • Wir verfügen nun sowohl über die Computerkapazitäten als auch die mathematischen Modelle, um diverse Datenquellen zu verknüpfen und aus diesem gigantischen Brei Einsichten zu destillieren.


Mit diesem Gerüst im Hintergrund, so die Annahme, werden wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidungen künftig nicht mehr intuitiv oder entlang ideologischer Richtlinien, sondern auf Basis einer Datenanalyse gefällt werden. Angeblich ist Google in der Lage, eine neue Welle an Arbeitslosigkeit oder einen Grippeausbruch vor Veröffentlichung der staatlichen Statistiken vorhersagen zu können. Jedenfalls setzten Google und Facebook Big Data bereits ein, um Werbung zielgerichteter zu platzieren. Data-Mining-Versuche gab es schon bisher, aber nicht in Echtzeit, wie es nun im Internet möglich ist. Soziale Trends, die Ausbreitung ansteckender Krankheiten, politische Wahlabsichten – all das lässt sich heute schon im Keim erkennen.

Natürlich ist der Großteil der Daten taubes Gestein, bar jeden Wertes. Weshalb eine neue Firma namens Factual sich zum Ziel gesetzt hat, alle klaren und verlässlichen Fakten dieser Welt zu speichern. Das Unternehmen will nichts weniger, als zum Datennabel der Welt aufzusteigen, wo alle Clouds und Supercomputer andocken, um Muster im Meer der Daten zu entdecken – in sozialen Interaktionen, in der Wirtschaft oder in der Natur (zum Beispiel Klima). Diese Art „Datenmarkt“ ist bereits im Kommen, etwa Microsofts datamarket.azure.com oder Spezialisten wie gnip.com, die soziale Medien auswerten, beziehungsweise datasift.com, die alte Twitter- Daten durchforsten. Das brandneue Unternehmen ClearStory konzentriert sich auf Nutzbarmachung, indem es private Daten mit öffentlich erhältlichen Statistiken verknüpft (gelegentliche Nutzer können diesen Dienst ab Sommer gratis in Anspruch nehmen). Wolfram Alpha bietet öffentlich zugänglich jede Menge technisches Wissen kostenfrei an.

Ein Einwand drängt sich auf: Man kann nicht Daten mittels anderer Daten interpretieren. Deutung verlangt nach einem unabhängigen Rahmenwerk, das im Prinzip den Einzelerscheinungen überlegen sein muss. Unser total auf Empirie und Datenproduktion ausgerichteter Wissensapparat wird wohl die Kunst der Hermeneutik wieder entdecken müssen … (Mehr zur Anwendung von Big Data demnächst.)

Walter Braun
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