Das Kreuz mit der Jugend
 

Das Kreuz mit der Jugend

Editorial von Sebastian Loudon

Juhu, was für ein gefundenes Fressen! Ein 24-Jähriger wird als Staatssekretär für Integrationsangelegenheiten angelobt. Das polarisiert und gibt den Medien Stoff ohne Ende. Das ist einfach, da fällt jedem was Lustiges dazu ein. Der Falter tritt sehenden Auges in die „Kurz-Falle“, wie es Chefredakteur Armin Thurnher in seinem Leitartikel offen ausspricht, nimmt Anleihe an einer Promotion der Handelskette Saturn, „Alt gegen Geil“, und schreibt eine Titelstory über „die neuen Superpraktikanten der Politik“.

Die Anspielung an die umstrittene Casting-Show von Josef Pröll ist ja sehr witzig und treffend, hat aber dennoch etwas Armseliges. Ist es der Neid auf die Jugend? Sind es reflexartige Vorbehalte gegenüber jemandem, der „Schönbrunner Deutsch“ spricht? Oder ist es Auswuchs einer an sich völlig berechtigten Unzufriedenheit über mangelnde politische, erst recht sachpolitische Erfahrung? Vielleicht von allem eine kleine Prise, mit dem schalen Beigeschmack, dass hier jemand vornehmlich kraft seines biologischen Alters und seiner Herkunft persönlich verunglimpft wird.

Eine völlig andere Dimension der Herabwürdigung erreicht Krone-Innenpolitik-Chef Claus Pándi in seinem aktuellen Videoblog. Er stellt Gerald Fleischmann zur Rede, den Pressesprecher des neuen Integrationsstaatssekretärs, und fragt ihn wiederholt danach, wie es denn so sei, „ein Kind“ zu beraten. Und im Ö3-Wecker scherzen die bis zum Erbrechen Gutgelaunten, dass Sebastian Kurz es nicht zum Interview zu Armin Wolf in die ZiB2 schaffte, weil er ja – Achtung, Bruhaha-Alarm – „noch gar nicht so lange aufbleiben darf“.

Ist Sebastian Kurz dazu geeignet, dieses neu geschaffene Amt auszuüben? War es eine kluge Personalentscheidung oder überhitzte, gedankenlose Aktionitis, ein verzweifelter Versuch der ÖVP, sich ein jugendliches Antlitz zu verpassen, das KHG-Phantomschmerzen ebenso heilt, wie es den Zulauf der jungen Wähler in Richtung Strache stoppt? Ganz ehrlich? Man weiß es noch nicht.

„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“, wusste schon das Neue Testament, und der Weitblick der Kollegenschaft, die sehr genau weiß, dass Kurz an dieser Aufgabe nur scheitern kann, scheint bewundernswert. Was mir aber wenig Bewunderung abringt, sind die ins Persönliche gehenden Verunglimpfungen, und zwar nicht aus Sympathie einem Namensvetter gegenüber, sondern aus zwei anderen Gründen. Erstens: Das Alter soll weder Qualifikationsmerkmal noch Ausschlussgrund für Spitzenämter in der Politik sein, und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung. Wir brauchen junge und alte Politiker – aber intelligent, weitsichtig, ehrlich sollten sie halt sein. Und zweitens: Was lernen junge engagierte Menschen – von denen es ohnehin so verdammt wenige gibt, dass man sie hegen und pflegen sollte, anstatt sie zu verspotten – aus der Medienhysterie um Sebastian Kurz? „Hände weg von der Politik“, sonst nichts.

Nirgendwo wird man für Engagement und – den letztlich auch daraus resultierenden – Erfolg so schnell öffentlich abgewatscht und der Lächerlichkeit preisgegeben wie dort. Zu Recht wird die Bestellung von Sebastian Kurz auch als Symptom für die immer dünner werdende Personaldecke der etablierten Parteien genannt. Die Art und Weise, wie die mediale Öffentlichkeit mit Kurz umgeht, wird aber dazu beitragen, dass es um diese Personaldecke in Zukunft noch schlechter bestellt sein wird. Wir brauchen politischen Nachwuchs, die Parteien müssen ihn fördern, involvieren, anlernen und nicht– wie im Fall Kurz durchaus zu Recht befürchtet wird – für politischen Aktionismus verheizen.

Die Medien allerdings sollten sich bei der lustvollen Herabwürdigung der Politjugend in Zurückhaltung üben, kommt diese den Journalisten noch so unbedarft oder – Gott behüte! – gar schnöselig vor. Sonst geht sie uns womöglich ganz verloren.
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