Das Internet dominiert zunehmend die Freizeit
 

Das Internet dominiert zunehmend die Freizeit

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Im Frühjahr 2004 suchten drei aufgeweckte Mädchen Kontakt mit schwedischen Medien.

Im Frühjahr 2004 suchten drei aufgeweckte Mädchen Kontakt mit schwedischen Medien. Ihr Plan: einen Schachkanal im Fernsehen zu etablieren. Zu langweilig, zu wenig Interesse, winkten die Profis ab. Die Teenager hatten leider keine Ahnung von Redaktion, Filmen, Schnitt und dergleichen, was sie aber nicht abhielt, ein halbes Jahr später im Internet on air zu gehen. Mittlerweile sind es deren fünf (alles Geschwister), die Älteste 21, der Jüngste 14, und sie produzieren immer noch eine Sendung pro Woche.

Demnächst die dreihundertste! Ihre „World Chess News“ erreichen ein regelmäßiges Publikum, nicht bloß via chesstv.eu, sondern auch auf schwedischen Kabelkanälen. Die US-Firma DreamTV vermarktet nun die Show in der ganzen Welt. Unter einer gewissen Altersschwelle (die aber ständig steigt!) ist das Internet Freizeit-bestimmend geworden. Das Paradigma dieser neuen Welt ist zurzeit zweifelsohne Facebook. Der Weltführerunter den sogenannten Sozialen Medien ist deshalb so groß und bedeutend geworden, weil er seine Plattform Drittentwicklern von Anwendungen geöffnet hat. Damit hat er eine Lawine an Kreativität losgetreten, die keine TV-Station der Welt erreicht. Der jüngste Hit sind soziale Spiele.

Falls Sie noch nicht von „Farmville“ gehört haben: Ein scheinbar langweiliges Unterfangen, bei dem es darum geht, gemeinsam einen digitalen Bauernhof zu bewirtschaften. Das Spiel startete im Juni 2009 und zieht mittlerweile täglich Millionen Fans aus der ganzen Welt an. Pro Monat sind es 80(!) Millionen. Aber es kommt noch toller: Das Profil des „Durchschnittsspielers“ ist … 43 Jahre und weiblich (junge Männer finden sich kaum auf Farmville).

Dieser neue Medientrend stellt einige verbreitete Einschätzungen auf den Kopf: Videospieler lassen sich nicht länger in die Kategorie „pickeliger, schüchterner Teenager“ einordnen; auf Facebook beträgt die Altersbandbreite der sozialen Videospieler 30 bis 60 Jahre. Das hat sogar Apple, die sich bisher standhaft geweigert hatten, Spieleentwickler zu unterstützen, zum Umdenken gebracht. Die mit Abstand erfolgreichsten Produkte, die rund um Apples iPhone verkauft werden, fallen in die Kategorie soziale Videospiele. Dieses Phänomen kann sich mit der Einführung der neuen Tablet-Computer wie Apples iPad nur ausweiten. Angeblich planen Nokia, Microsoft, Acer, Toshiba, HP und eventuell sogar Google, mit einem derartigen Gerät nachzuziehen; bereits im Spätsommer wird Neofonie in Deutschland mit seinem WePad auf den Markt kommen.

Laut Einschätzung des Beratungsunternehmens Deloitte sollte bis Ende 2011 der Absatz von Tablet-Computernin die Dutzenden Millionen gehen. Für die Kommunikationswirtschaft stellt sich die Frage, ob sie den Trend zu sozialen Spielennutzen kann. Einige Versuche, auf Farmville Werbung einzuschmuggeln, haben zu Protesten beiden Spielern geführt. Das gängige Modell – dort, wo sich Menschen treffen, lass dich mit einer Botschaft nieder – bedarf einer Verfeinerung.
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