Das große Umrühren im Medientopf (2)
 

Das große Umrühren im Medientopf (2)

Kommentar von Walter Braun

Angekündigte Revolutionen, sagt man, würden nicht stattfinden. Manchmal aber doch – wenn sie bloß zu früh ausgerufen worden sind. Vor rund einem Vierteljahrhundert war „Desktop Publishing“ ein Schlagwort: Heim-PC plus leistbarer Laserdrucker erlauben es jedem Schreiber, sein eigener Verleger zu sein, so die Fantasie. Ist nie dazu gekommen, weil die Visionäre den Vertrieb übersehen hatten. Mit Blogging ist die ursprüngliche Idee teilweise realisiert worden. Allerdings haben Millionen von Bloggern erkennen müssen, dass man von mikroskopischen Werbeeinnahmen nicht leben kann. Nun aber hat die Selbstveröffentlichungs­revolution im Jahr 2012 in der Tat begonnen, so still und heimlich, dass sie außer Insidern niemand bemerkt hat.

Bevor wir uns den Büchern zuwenden, ein kleiner Ausfallschritt: In Holland versucht es ein Verleger, nachdem seine gedruckte Gratistageszeitung den Bach hinuntergegangen ist, mit einem neuen Absatzmodell für den digitalen Nachfolger De Nieuwe Pers (Die Neue Presse). Die Leser sind eingeladen, einzelne Journalisten (oder ein Paket bevorzugter Schreiber) zu abonnieren. Reichlich stressig für Nachrichtenlieferanten: Wenn mein Einkommen völlig von der Lust und Laune der Leser abhängt und ich mit einem Knopfdruck in der Versenkung verschwinden könnte, wandere ich auf Zehenspitzen durchs Leben. Zudem würde es ­dieses Modell Neueinsteigern noch viel schwerer machen, im Zeitungsgewerbe Fuß zu fassen. Klar aber wird aus dieser Entwicklung, dass sich Be­rufsschreiber künftig selbst zu Marken aufbauen müssen.

Zurück zu den Buchautoren. Um die Bedeutung der Revolution zu erkennen, muss man den Hauptanstifter ins Auge fassen: Amazon. Der alles dominierende Online-Buchhändler ist beinahe über Nacht zum drittgrößten Hersteller von Tablet-Computern (hinter Apple und Samsung) aufgestiegen. Warum investiert Amazon so heftig in den Bereich Hardware, wo man sicher kein Geld verdient? Um Kindle zum weltdominanten Lesegerät zu machen. Dafür braucht man noch etwas: exklusive Inhalte. Den Markt der Leser hat Amazon bereits an der Hand wie niemand anderer, und jetzt will man auch als Herausgeber auftreten, indem man eine tolle Plattform für digitale Selbstveröffentlichung eingerichtet hat. Die erfolgreichsten Autoren aus eigener Kraft können dann damit rechnen, dass Amazon ihnen schmeichelweich einen Vertrag für gedruckte Bücher anbietet. Wie raffiniert!

Was wiederum bedeutet, dass jetzt das goldene Zeitalter des Self Publishing beginnt. Die Verlagswelt hat bereits mit exzessiver Konsolidierung reagiert (zum Beispiel will Riese Random House sich Penguin einverleiben). Tatsache ist aber, dass aufgrund der Digitalisierung die technische Seite des Vertriebs an Bedeutung verloren hat. Was mehr zählt, sind Inhalte und deren Vermarktung. Natürlich werden gedruckte Bücher nicht verschwinden, aber E-Bücher sind ein Geschenk des Himmels für Autoren …

Lesetipp: „APE – how to publish a book“, vom Erfolgsautor Guy Kawasaki zum Beweis selbst herausgegeben.

[Walter Braun]
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