Das große Augenreiben
 

Das große Augenreiben

Kolumne von Walter Braun

Gerade eben haben die Regierungschefs der 20 führenden Industrienationen beschlossen, der lahmenden Weltwirtschaft ein Feuerchen unter dem Hintern anzuzünden. Viel Glück! Gegen einen Jobzerstörer werden sie allerdings wenig ausrichten: ein sich enorm beschleunigender Innovationszyklus. ­Produktneuerungen, die einst Jahrzehnte brauchten, kommen nun im Rhythmus der Jahreszeiten daher.

Das hat massive Folgen, die wir uns nicht recht eingestehen wollen. Neuerungen bringen immer automatisch ein Versagen mit sich. In den Wirtschaftsmagazinen hören wir nur von den strahlenden Siegern in ihren Glaskästen. Niemand nagelt die Wahrheit an die Wand, dass Innovationen eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Nicht nur die vielen (notwendigerweise!) gescheiterten Jung­unternehmer, sondern zunehmend auch alteingesessene Unternehmen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das aktuelle Bestseller-Titelthema ist zurecht „Disruption“ – Störungen und Unterbrechungen ­werden zur Norm in allen Wirtschaftssegmenten. Allerdings existiert kein Gesetz, dass Arbeitsplatzverluste infolge neuer Technologien immer wieder kompensiert werden können.

Die wirkliche Jobvernichtungsmaschine kommt erst. Eine aktuelle Erhebung in Großbritannien schätzt, dass Computer und Roboter in den kommenden zehn bis 20 Jahren rund ein Drittel(!) aller Arbeitsplätze überflüssig machen könnten. Bereiche, die reif für die digitale Walze sind: Transport, Bauwirtschaft, Vertrieb,Produktion, Energie, Gesundheitswesen, Finanzbranche, Bildung und Bürokratie.

Innovationen haben immer Überflüssigkeit eingebaut, was oft als Wegwerfkultur kritisiert wird. Schlimmer ist aber die erzwungene Beschleunigung der Hirne und Herzen. Arbeitnehmer müssen in zunehmendem Maße selbstständig sein und ihre Reputation pflegen. Sie müssen Risiken in Kauf nehmen und bereit sein, den Beruf im Laufe ihres Lebens mehrmals zu wechseln. Und damit rechnen, da und dort zu scheitern.
Die Kosten der Beschleunigung sind ganz real – unsichere Arbeitsplätze, unerwartete Kündigungen, finanzielle Notstände, Verzweiflung, unfreiwillige Umzüge, Scheidungen, Stress, verzweifelte Suche nach Erleichterung (mit der wieder andere ein gutes Geschäft machen). Emotional sind wir ziemlich die gleichen Menschen, die wir vor 10.000 Jahren waren. In den technischen Möglichkeiten sind wir vergleichsweise zu Göttern aufgestiegen.

Auf die heute geforderte geistige und emotionale Flexibilität hat uns die Natur nicht vorbereitet. Was erklärt, warum in einer Zeit des Friedens und des Wohlstandes Ängste zunehmen und Selbstverwöhnung gefragt ist.
Wir sind an der Schwelle zu einem neuen Wirtschaftssystem, das zwangsläufig auch die Gesellschaft verändern wird. Leider ist das kein demokratischer Prozess. Das Leben wird in Zukunft wieder riskanter werden – so, wie es für unsere Vorfahren in der Regel war …

[Walter Braun]
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