Danke, Herr Pirker
 

Danke, Herr Pirker

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Jenseits des HORIZONT

Im jüngsten Falter-Interview hat der News-Chef Horst Pirker einen zunächst kaum beachteten Nebensatz entäußert. Er sprach vom Buchhandlungseffekt des Print. Vom zufälligen Blättern, vom absichtslosen Stolpern auf interessante Artikel und von einem Effekt, den Borges in seiner unendlichen Bibliothek schon akzentuierte.

Er hat damit Wesentliches gesagt, das die meisten gedruckten Medien kaum als Argument nutzen. Was Pirker Buchhandlungseffekt nennt, nenne ich Serendipität. Finden und Entdecken über scheinbare Umwege, sich ver- und entführen lassen durch Zerstreuung. Das kann das Netz nicht, das können  Online-Portale und e-books nicht: Sie lasses Stolpern nicht zu, meint Peter.
Wenn Tracking-Verfahren von Amazon, Kobo und Co. heute exakt analysieren, wie lange ein Leser in einem Buch gelesen hat, welche Seiten mehrmals, welche er überflogen hat, dann messen sie nur scheinbar richtig. Kobo hat in einer Studie bekannt gegeben, dass 80% der dickleibigen Bestseller – auch solche der reinen Unterhaltungsliteratur – maximal bis zu einem Fünftel gelesen und dann offensichtlich weggelegt werden.

Sie messen damit nur die Performance des Nutzers, die wenig mit seinen Interessen zu tun hat. Es könnte ja sein, dass derselbe Nutzer ein Jahr später zufällig auf das Buch stößt, es plötzlich mit Interesse liest. Das ist eines der Geheimnisse des Lesens. Das ist immer noch der Vorteil der physischen Bibliotheken, wie ihn Umberto Eco schon beschrieben hat. Das absichtlose Blättern und suchen, mit den Augen auf etwas blicken, das Buch herausnehmen und „schmökern“. Den Schmöker-Effekt akzentuiert Pirker in seiner Verteidigung des Gedruckten. Er fordert die Branche auf – er, der  bedingungsloser Fan des Online-First-Journalismus war – sich auf ihre USP’s zu besinnen: Das Gedruckte in den Vordergrund zu stellen.

Derzeit hat man manchmal den Eindruck, viele Management-getriebene Verlagshäuser genierten sich fast, dass sie neben Multimedia-Portalen auch noch bedrucktes Papier auf den Markt bringen. Bezeichnend dafür ist die Maßnahme von Pirker’s deutscher Vorstandschefin, Julia Jäkel, die schreibende Redakteure bei Gruner+Jahr abzuschaffen und alles auszulagern, was autochthoner Journalismus sei.

Wenn Medien – das gilt auch für Boulevardmedien – sich nicht mehr auf die eigenen Stärken besinnen, liegt das an ihren Managern und an derem mangelnden Interesse, Selbstbewusstsein und Know-How über das Medium. Sie definieren sich auch gerne als Data-Business-Enterpreneure.
Mündige Konsumenten hingegen wollen aber Absichtsloses, Gedrucktes, nicht nur Funktionsbestimmtes. Sonst würden sie weder flanieren, noch spazieren oder wandern gehen, oder Freunde treffen, sondern sich nur entertainen. In Gedrucktem zu blättern ist nichts anders als ziellos zu flanieren. Das Notwendige hat man erledigt. Online wurden die wichtigsten Nachrichten konsumiert. Nun kann man flanieren, sich entführen lassen. Lesen.
Wenn es Pirker gelingt, „News“ zu einem „Flaniermagazin“ umzugestalten, bin ich der erste, der dieses Produkt wieder in seine Leseliste aufnimmt.
Verleger: Glaubt endlich wieder an eure Produkte. Das Metier des Data-Business ist ein schwieriges, Pay-Walls eine Illusion.

Davon wird man nicht leben können.

[Jenseits des HORIZONT]
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