Cyber-Erpressung im Anrollen
 

Cyber-Erpressung im Anrollen

Kolumne von Walter Braun

Man stelle sich vor, schwer bewaffnete Gangster stürmen eine Bank, bedrohen Kunden und verursachen jede Menge Schaden. Würde wohl jeder als schlimmes Verbrechen beurteilen. Passiert etwas Analoges in Datenspeichern, zucken wir bloß mit den Schultern. Das hat nicht nur damit zu tun, dass in der Digitalwelt keine Leichen herumliegen; der ganze Cyberspace überfordert unseren Erkenntnisapparat. Wir haben keine Wahrnehmungsorgane für diesen abstrakten Raum.
Ein gefährlicher Zustand. Eine vernetzte, völlig vom Internet abhängige Welt ist in zentralen Bereichen reichlich verwundbar. Dieser Tage ist das britische Telekom-Unternehmen TalkTalk gehackt worden. Möglicherweise sind von dem Dateneinbruch Millionen von Kunden betroffen. Eine Erpresserforderung ist eingegangen (die Gauner wollen sich in Bitcoins bezahlen lassen). Das ist bereits der dritte(!) Cyberüberfall auf das Unternehmen binnen neun Monaten. Im August hatte es auch Carphone Warehouse erwischt, mit Daten von über 2,4 Millionen Kunden.

In Interviews haben verärgerte Kunden angedeutet, dass sie trotz ­bestehender Knebelverträge den ­Telekom-Anbieter verlassen wollen. Das in Jahren mühsam aufgebaute Vertrauen ist praktisch über Nacht ­dahingeschmolzen. Den Kunden steht die rechtliche Möglichkeit offen, das Unternehmen auf Bruch des ­Datenschutzes zu verklagen. Außerdem können die Behörden eine Strafe von bis zu 700.000 Euro verhängen. Der Aktienpreis von TalkTalk ist um über zehn Prozent abgestürzt. Der Schaden könnte mehr als 100 Millionen Euro betragen.

Und der Geschäftsführerin Dido Harding fiel nichts Besseres ein, als zu sagen: „Gesetzlich sind wir nicht ­verpflichtet, Kundendaten zu verschlüsseln.“ Appelle für Cyber-Sicherheit werden einfach nicht ernst ­genommen. Keinem würde es einfallen, einen Banktresor offen stehen zu lassen. Das Online-Äquivalent kann aber genauso drastische Folgen ­haben.

Meinem Bruder in Linz haben Hacker die E-Mail-Adressliste entwendet. Seither trudeln bei mir in Großbritannien perfekt geschriebene Mails ein, die mich auffordern, ich sollte bei meinem (nicht vorhandenen) Erste-Konto etwas abändern, da sonst der Online-Zugang verwehrt wird. Die Anrede ist aber nicht persönlich, zudem enthüllt ein Blick auf den Absender eine lächerliche Gmail-Adresse.
Manche meinen, Digitalverbrechen würden die größte Bedrohung für die Wirtschaft darstellen. Laut ­einer Schätzung von Google und McAfee werden täglich weltweit 2.000 Cyberangriffe verübt – was global ­einen jährlichen Schaden von circa 400 Milliarden Euro verursacht. Und das ist erst der Anfang …

[Walter Braun
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