Convenience Economy - Vom Leben in der Schein...
 

Convenience Economy - Vom Leben in der Scheinwelt

Kolumne von Walter Braun

Kürzlich war an dieser Stelle die Rede davon, wie sehr digitale Medien dazu verlocken, sich von der Welt auszuklinken. Das ist gar nicht so harmlos. Handy-Süchtige, die ohne aufzublicken die Straße überqueren, mögen ein uriges Bild abgeben. Autofahrer, die während der Fahrt Computerspiele verfolgen, sind weniger lustig.

Das sind nicht länger Einzelerscheinungen. Wer es sich angewöhnt, permanent von außen stimuliert zu werden, der rastet aus, sobald Stille eintritt. Doch ohne Stille gibt es keine Kreati­vität. Nun könnte man das als vorübergehende Anpassungssymptome verstehen, die bald von selbst verschwinden. Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Wir steuern auf eine Welt zu, in der sich niemand mehr an die Umgebung anpassen muss, wo jeder erwarten kann, dass sich die Welt auf Knopfdruck an ihn anpasst. Jedes einschießende Bedürfnis lässt sich auf der Stelle befriedigen. Wir sind also auf dem Sprung von einer auf Wellness und Erlebnis basierenden Konsumwirtschaft in eine Art „Convenience-Ökonomie“, wo selbst simple Handgriffe nicht länger notwendig sind. Das Internet der Dinge denkt mit, und alle Anwendungen sind im Kunstgehirn Datenwolke gespeichert. Was niemand an die große Glocke hängt: Fertigkeiten, die man nicht länger aktiv anwendet, gehen verloren (zum Beispiel konzentrierte Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Durchhaltevermögen).

Noch etwas wird verschwiegen: Diese Komfortanwendungen sind ungeheuer energieaufwendig. Gab es nicht einst das Versprechen, die Digitalwirtschaft würde helfen, Energie zu sparen? Aber die Frage von Energie ist nicht das wirklich Problematische; schlimmer sind zwei andere Tendenzen. Eine Folge ist massiver Größenwahn, dessen Kehrseite ein latentes narzisstisches Gekränktsein ist, das Beziehungen rasch zerbrechen lässt.

Der zweite Irrsinn ist ein auffälliger Realitätsverlust. Zu viele junge Mütter behandeln ihre Kleinkinder wie ein verwöhntes Haustier und kommunizieren nicht länger richtig mit ihnen, weil sie ­einen Großteil des Tages mit ihrem Smartphone verbringen. Solcherart vernachlässigte Kinder sind bei Schuleintritt ­kognitiv um Jahre zurück.Zurzeit wird ein völlig künstlicher Lebensstil gefördert: Losgelöst von ­Familie, Tradition, Gesellschaft, geben sich viele Menschen einem technisch-pharmazeutischen Ego-Trip hin, als würden sie völlig allein und anhanglos in einem Raumschiff mit Eitelkeitsantrieb durch das Weltall surfen. Das echte Leben mit seinen naturgege­benen Anforderungen erscheint nicht länger zumutbar.

Sieht man im Kontrast dazu, wie in Teilen der Welt Machtbedürfnisse brutal ausgelebt werden und altes Stammesdenken wiederbelebt wird, fragt man sich, welche Zukunftsaussichten westliche Lebensweisen haben. Resilienz ist ein Trend in der Psychotherapie – aber wo sollen wir Widerstandsfähigkeit lernen, wenn eine Convenience-Welt uns jede Mühsal abnehmen will?

[Walter Braun]
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