Brillant oder beschissen
 

Brillant oder beschissen

Kommentar von Clemens Coudenhove

Natürlich suchte sich der 2011 verstorbene Apple-CEO Steve Jobs den Autor für seine gleichnamige Biografie genau aus. Und fand in Walter Isaacson (ehemals Time Magazine und CNN) einen Mann, der sämtliche charakterlichen Facetten des charismatischen Unternehmers komplett ungeschminkt beschreibt. Von seinen Anfängen bei Atari und Hewlett Packard bis zu seinem Triumph mit iTunes, iPod, iPhone und iPad. Schließlich führte Isaacson nicht nur über 40 Interviews mit Jobs selbst, sondern befragte über 100 Wegbegleiter, Familienmitglieder und Gegner. Und hatte komplett freie Hand für das Werk. 

Eine geradezu krankhafte Kompromisslosigkeit hätte Jobs’ Managementstil geprägt. Für seine Business-Gegner und gefeuerte Angestellte wäre er eindeutig ein Lügner gewesen, Wegbegleiter sprachen eher vom berühmten „reality distortion field“, einer fast schon manischen Realitätsverweigerung, die seine Mitarbeiter – die er zum Teil brutal gegeneinander ausspielte – zu Höchstleistungen anspornte. Zu Ideen seiner Leute sagte er oft entweder „it’s great“ oder „it sucks“, nichts dazwischen. Und oft zeigte sich sein „reality distortion field“ auch so, dass er eine zuvor als beschissen bezeichnete Idee zwei Wochen später als seine eigene verkaufte. 

Überhaupt, so beschreibt Isaacson den Apple-Chef mehrmals, hätte sich Jobs so gefühlt, als würden für ihn, den Auserwählten, normale Regeln des alltäglichen Lebens keine Gültigkeit besitzen. Natürlich lässt Isaacson den „Mann, der die Zukunft erfand“, wie der Spiegel anlässlich seines Todes titelte, am Ende glänzen. Und die Perfektionierung des grafischen Benutzer-Interfaces, die intuitive Handhabung des iPod geben Jobs letztlich Recht. 

Gegen das Mantra „Der Kunde hat immer recht“ wehrte er sich Zeit seines Lebens. Vielmehr ginge es ihm darum, den Menschen zu geben, was sie in Zukunft wollen, es aber noch  nicht wissen. In den Anfängen von Apple sind die Maus oder die Drag-and-Drop-Funktion ein passendes Beispiel, heutzutage der Multitouch-Screen oder die Zoom-Funktion mit zwei Fingern. Für Hacker, zumindest technologische „Sich-Auskenner“, mag die totale Integration von Hard- und Software, mit der Apple sich zum wertvollsten Technologie-Unternehmen katapultiert hat, ziemlich beschissen sein. Für die Mehrheit der User, die Wichtigeres zu tun haben, als zu verstehen, was sich hinter dem Bildschirm abspielt, sind Apple-Produkte brilliant. 
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