Braucht der Cyberspace ganz neue Gehirne?
 

Braucht der Cyberspace ganz neue Gehirne?

Kommentar von Walter Braun

Das Pew Research Center veröffentlichte kürzlich Ergebnisse seiner fünften „Zukunft des Internets“- Befragung von über 1.000 Experten. Die Meinungen waren klar zweigeteilt: Eine Gruppe war der Ansicht, dass die ständig vernetzte „Generation Always On“ das Internet als eine Art „externes Gehirn“ benutze, und daher in der Lage wäre, auf rasche und effiziente Art unterschiedlichste Auf- gaben zu erledigen. Die Kritiker wiederum bemängelten, dass ein vernetztes Leben zu oberflächlichen Entscheidungen und ungeduldiger Sofortbefriedigung verleite – seichter Informationskonsum im Zeitalter der Unterhaltung.

Die Beurteilung der Lage hängt wohl davon ab, welche Schlüsselfähigkeiten in den kommenden Jahren gefragt sein werden. Es könnte durchaus sein, dass tiefes, gründliches Nachdenken an Bedeutung verliert, während schnelles Suchen, Brow- sen, Bewerten von Quellen und Zusammenfassen von Information stärker gefragt sein werden. Unstrittig dagegen ist die Menge des Digitalkonsums. Eine Studie im Auftrag des Time-Konzerns ergab, dass 20-Jährige im Schnitt beinahe alle zwei Minuten (!) zwischen diversen elektronischen Geräten und Medienplattformen hin- und herschalten. Bei dieser Erhebung wurden 30 Teilnehmer intensiv beobachtet, die alle Spezialbrillen mit eingebauten Kameras trugen.

Carl Marci, Geschäftsführer der Marktforschungsfirma Innerscope Research, die die Erhebung durchführte, erwartet große Veränderungen: „Diese Studie deutet stark auf eine Transformation hin, die die Gehirne einer Generation von Amerikanern auf nie gesehene Weise neu verdrahtet. Geschichtenerzähler und Marketer werden in diesem digitalen Zeitalter ein zunehmend komplexes Umfeld vor- finden, das die Latte zur Unterhaltung eines Konsumentenpublikums höher legt.“

In der Tat kommt eine Reihe aktueller Studien zu dem Schluss, dass intensives Videospielen die Koordination zwischen Augen und Händen verbessert und gar die Kreativität fördern kann (interessanterweise besonders bei brutalen Spielen!). Ein Kommentator im Wall Street Journal jubelte kürzlich, dass die neuronalen Veränderungen im Oberstübchen allesamt positiv wären, was aber sicher nicht stimmt. Scans haben gezeigt, dass bereits nach einer Woche, verbracht mit gewalttätigen Videospielen, jene Gehirnregion, die Emotionen kontrolliert, gedämpfte Aktivität aufweist. Was erklärt, warum Depression und Fettleibigkeit ein nicht seltenes Problem bei zwanghaften Digitalspielern sind.

Dass die Online-Welt eine gänzlich neue Herausforderung darstellt, die zusätzliche Fähigkeiten verlangt, ist klar. Aber wie leicht werden wir Opfer der Dopamin-Falle im Gehirn, die uns immer nach Neuem jagen lässt, weil dies eine künftige Belohnung verspricht (die allerdings nur selten eintritt – es ist die bloße Erwartung, die uns kirre macht). Für die Werbung hat das unbeständige Verhalten der kommenden Generation sicherlich Folgen. Ich glaube nicht, dass noch schnellere Videoschnitte oder aufdringlichere Formate die Lösung sind – da muss qualitativ etwas Neues kommen.

Walter Braun
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