Braucht das Net Aufpasser?
 

Braucht das Net Aufpasser?

Kolumne von Walter Braun

Das Internet wirkt als Vergrößerungsglas für neurotische Störungen, von übermäßiger Eigenliebe bis zu Angstauslösern. Ausgeufert ist die Neigung, Gerüchten Glauben zu schenken und Verschwörungen zu wittern.

Millionen haben auf YouTube Videos gesehen, in denen zwei Kinder über einen satanischen Kult in London berichteten. Sie faseln von Kindesopfern, grotesken Sexpartys und satanischen Ritualen. Bei Polizei­befragungen gaben die Kinder zu, das unter dem Druck ihrer verantwortungslosen Eltern erfunden zu haben. Seltsamerweise geht die Kampagne weiter, ständig werden neue Videos hinaufgeladen, von Kleingeistern, die sich in ihren Ängsten und Vorurteilen bestätigt sehen. Was bisher Gefasel von seelisch gestörten Menschen in Hinterzimmern war, erscheint dank Digitalmedien in der Öffentlichkeit – und gewinnt so bei einfach gestrickten Geistern an Glaubwürdigkeit.

Technologie ist keineswegs neu­tral, wie Nerds glauben. Mit Technik halten auch spezifische Weltanschauungen Einzug. Davon abgesehen ist die Nutzung neuer Technologien zu hinterfragen: Ist das Sammeln persönlicher Daten tatsächlich harmlos und wertfrei? Welche Web-in­härente Norm soll verhindern, dass Datenprofile zur Diskriminierung verwendet werden (erst kommerziell, dann politisch)?

Dahinter verbirgt sich eine grund­legende Frage: Was für eine Ethik hat das Net? Der Rechtsstaat beruht auf Vertrauen – aber das Digitalzeitalter ist durch Misstrauen gekennzeichnet. Damit einher geht ein Vertrauensverlust in Institutionen. Bei Befragungen unter jungen Leuten, ob sie angesichts ihres ausgedehnten Gratiskonsums im Web Schuldgefühle empfinden, kam bestenfalls heraus: Die Regierung soll etwas tun. Das ist kein Fortschritt in Richtung Individualismus, sondern ein ethischer Rückschritt. Zudem sind isolierte Einzelne verwundbar und leichter zu manipulieren.

Ironischerweise hat das Net, das völkerverbindend hätte wirken sollen, zum Rückzug in die Innerlichkeit geführt. Heute berichten Massenmedien weniger über internationale Ereignisse als im Vor-Web-Zeitalter. Offenbar war die Vision des Weltbürgers irrational – instinktiv fokussieren wir eher auf Menschen, die uns ähneln.

Mit der Ort- und Bindungslosigkeit im Web geht auch das Vertrauen in bekannte Medien verloren. Wer seine Nachrichten aus einem Newsfeed bezieht, hat keinen blassen Dunst, welche Medien verlässlich, ideologische Dampfplauderer oder ruchlose Geschäftemacher sind. Interessanterweise heuern gerade Plattformen wie Twitter, Instagram und YouTube Redakteure an, um Nachrichten zu verifizieren beziehungsweise die qualitativ besten Geschichten aus dem Endlos-News-Strom auszuwählen. Das Web braucht also doch Aufpasser …

[Walter Braun
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