Blind vor lauter Vorurteilen
 

Blind vor lauter Vorurteilen

Editorial von Sebastian Loudon

Es ist zu früh für eine abschließende Meinung, aber nicht zu früh für einen Diskussionsbeitrag. Der neue Spot für Palmers (siehe auch Seite 13) polarisiert von der ersten Sekunde an. Das kann man – sofern man das lesen will – anhand der Postings auf etat.at erfahren, ma nkann es aber auch bei sich selbst beobachten. Mir ging es ganz genauso, als ich beim Dreh des Werbefilms vorbeischaute und die beiden Lowe-GGK-Capos Dieter Pivrnec und Michael Kapfer-Giuliani mir den Plot erzählten. Und es beutelte mich förmlich, als ich erfuhr, dass dieses hübsche, elfenartige Wesen, das da vor der Kamera stand, sich am Ende des Films als Blinde  entpuppt. Und in der gleichen Sekunde war ich auch über die eigene Reaktion entsetzt, weil der einzige Grund, warum einen das so aufregt, doch nur jener sein kann, dass es einem nicht in den Kopf geht, dass auch Menschen mit Behinderung sich selbst, aber auch anderen gegenüber Sexyness und Sinnlichkeit verkörpern können. Der Spot überlistet den Zuschauer und konfrontiert ihn mit einem tief sitzenden Vorurteil. Zunächst werden alle Register der Aufreizung gezogen: schöne Frau, nackte Haut, wohlgeformte Kurven, zarte Dessous. Und dann der „Schock“ – eine blinde Frau! Sehbehindert!! Behindert!!! 

Der Spot hinterlasse einen „schalen Beigeschmack“, meinte einer der harmloseren Poster. Ja, das mag sein, aber das ist eben nicht die Schuld des Spots, sondern unsere eigene. Dieser Beigeschmack entsteht aus der Diskrepanz, der Enttäuschung, dem Frust. Der Spot konfrontiert uns mit unseren eigenen Vorurteilen, entlarvt uns. Die Frau, die eben noch so begehrenswert gewirkt hat, ist plötzlich behindert – das entspricht nicht dem Idealbild unserer nach Perfektion strebenden Gesellschaft und ihrer noch mehr nach – längst pervertierter – Perfektion strebenden Darstellung im Werbefernsehen. Das erzeugt Frust, ja man wird sogar wütend – aber natürlich in Wahrheit über sich selbst, und spätestens seit dem Kapitel „Projektion“ im Psychologie-Unterricht wissen wir: Die Wut über sich selbst bleibt nie lange da, wo sie ist, sie richtet sich flugs gegen jemanden anderen. Das ist ein Abwehrmechanismus, vor dem kaum jemand gefeit ist. Das Tolle an dem Spot ist doch: Die Frau ist als Blinde ja genauso fesch wie vorher. Es ist nichts Abstoßendes an ihr außer eben den selbst entfalteten Vorurteilen rund um das Wissen, dass sie nicht sehen kann. Und es ist ein Irrglaube, dass diese Werbung nicht auf die Marke Palmers einzahlen würde. Im Gegenteil: Wenn es ein positives Klischee des Blindseins gibt, dann doch jenes, dass man mit der Zeit einen im Vergleich zu Sehenden fast übermenschlich ausgeprägten Tastsinn entwickelt. Insofern ist die Blinde doch die ideale Markenbotschafterin für Palmers, dessen Kernwert sinnliche Wäschequalität ist. Da beklagen wir ständig die Abgeschmacktheit der heilen Welt der Werbung, den mangelnden Mut von Auftraggebern und die mangelnde Kreativität der Agenturen, und wenn dann endlich – endlich! – einmal ein Stück Werbung das Licht der Welt erblickt, das den Zuschauer herausfordert, versteckte gesellschaftliche Irrwege entlarvt und uns in unserer ganz persönlichen Prädisposition wachrüttelt – dann sollten wir doch eher kurz innehalten und dankbar sein. 

Man sagt so gern: „Werbung ist ein Spiegel der Gesellschaft“. Man sagt das vor allem dann, wenn man allerlei Blödsinn, Trash und Junk rechtfertigen muss. Der Palmers-Spot ist tatsächlich ein Spiegel der Gesellschaft, nämlich einer, der ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Spiegelbild zuwirft und dabei jeden Einzelnen mit den ganz persönlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Es ist zu früh, um beurteilen zu können, was dieser Film für das Unternehmen Palmers tatsächlich bedeutet– für die Imagefaktoren in der Kernzielgruppe, für die Quartalsumsatzzahlen und in weiterer Folge den „Shareholder Value“. Es ist aber jedenfalls früh genug, sich zu freuen, dass österreichische Werbung für eine österreichische Marke heute so etwas noch leisten kann – und darf.
stats