Bleibt TV das Schicksal von Print erspart?
 

Bleibt TV das Schicksal von Print erspart?

Kolumne von Walter Braun

Die schlechten Nachrichten rund um Tageszeitungen reißen nicht ab. Jüngst gab der Verleger der Globe and Mail (ein nationales Blatt in Kanada) zu, dass über 40 Prozent (!) des Blattes von bloß 1.000 Leuten gelesen werden. In einem Land mit 35 Millionen Einwohnern! Offensichtlich ist der bisherige Typus von Blattsalat auf nationaler Ebene nicht länger tragbar. Das Web ist weitaus besser darin, Nischeninteressen zu befriedigen (überdies gratis!). Warum bleibt dann Fernsehen, das seine Sendestruktur im Großen und Ganzen beibehalten hat, von dem Filetierungstrend verschont?

Der Web-Vorläufer Usenet war ursprünglich textorientiert, daher immer ein Konkurrent für Print. Fernsehen hatte im Vergleich dazu eine Schonfrist, da Video oder ganze Filme reibungslos zu übertragen aufgrund mangelnder Bandbreiten lange Zeit nicht so einfach möglich oder ästhetisch unbefriedigend war. Doch technische Rahmenbedingungen alleine vermögen die Widerstandsfähigkeit nicht zu erklären.

Das Standvermögen von TV hat ­primär mit tiefen Taschen zu tun:
Eine Spielfilmserie zu entwickeln, ist schlicht und ergreifend teuer. Das heißt, im Falle von TV sind die vielen neuen digitalen Plattformen nichts anderes als zusätzliche Abspielstationen – das gesendete Material bleibt im Prinzip das gleiche. Nicht so im Falle einer Tageszeitung, die als reine Nachrichtenquelle plötzlich mit vielen Mit­streitern konfrontiert war – Blogger und Bürger-Reporter und Twitter-Kampagnen, nicht zu vergessen die vielen Mittelsmänner, die sich als Web-Nachrichtensammler dazwischendrängten. Die unüberschaubare Online-Textvielfalt wiederum öffnet der Suchmaschine Google Tür und Tor, den Online-Werbekuchen abzuräumen.

Wer die neue Staffel von „Homeland“ sehen will, ist nach wie vor mit dem ­Format Glotze bestens bedient; kleinere Bildschirme sind hier bestenfalls eine Ergänzung (für zeitversetztes Sehen), aber kein prinzipieller Konkurrent. Fernsehen hatte einfach den unglaub­lichen Luxus, eine Revolution, die Print sowie die Musikbranche rasch ramponiert hat, in Zeitlupe auf sich zukommen zu sehen. Sender hatten viel mehr Zeit als Verlage, Websites mit Streaming-Services aufzubauen, neue Wettbewerber juristisch auf Armeslänge zu halten oder aufzukaufen. Terrestrische Seherverluste ließen sich mit Ablegern im Kabel beziehungsweise auf dem Satelliten ausgleichen. Was wiederum das Medium für Werbetreibende wertvoll machte, in jüngster Zeit in ­Kombination mit Facebook oder Twitter, wo ein Publikum über das Sendeformat ­hinaus begleitet werden kann. Nicht überraschend, dass es demnächst ­Twitter-TV-Ratings geben wird.

Fazit: Digitale Neuankömmlinge ­haben es hier mit einer Branche zu tun, die unglaublich verflochten ist (etwa Sportübertragungsrechte, Filmrechte), weshalb es nicht zu jener grund­legenden Umschichtung kommt, die das Medium Tages­zeitung in Rubriken­bestandteile zerlegt hat.

[Walter Braun]
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