Bitte keine neue Hardware
 

Bitte keine neue Hardware

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Editorial von Clemens Coudenhove

Die heimischen Radiosender bekamen dieser Tage ihre Zeugnisse zugeschickt und dürfen sich größtenteils über stabile Zahlen freuen, schließlich stieg die durchschnittliche Hördauer an, die ORF-Radioflotte sitzt nach wie vor fest im Sattel, und auch die Privaten holen in kleinen Schritten auf. Wirklich Weltbewegendes konnte man anlässlich des Radiotests in den vergangenen Jahren nicht berichten.

Ein Player der Privatradiobranche jedoch, Florian Novak, sieht sich – durchaus berechtigt – als Pionier im Bereich Mobile Streaming und lässt mit seinem „Listen & Relax“-Sender LoungeFM dieser Tage aufhorchen. Als einziger österreichischer Sender ist LoungeFM anlässlich des Starts von Digital Audio Broadcasting (DAB+) nämlich nun (fast) bundesweit in Deutschland zu empfangen. Vorraussetzung freilich: ein digitales Radiogerät mit der Aufschrift DAB+.

Laut einer Studie der Universität Bonn hätten sich in Deutschland seit 2007 etwas mehr als eine halbe Million Haushalte DAB-fähige Geräte angeschafft. „Dead and buried“, also „tot und begraben“, wurde die digitale Funktechnologie in Deutschland noch vor nicht allzu langer Zeit spöttisch genannt, nach langwierigen Verhandlungen und Ausschreibungen haben sich nun Öffentlich-Rechtliche und Private bei unserem Nachbarn dazu durchgerungen, DAB+ zu starten.

Bernd Graff schimpft in der Süddeutschen Zeitung von einer „Beleidigung der technischen Intelligenz“. Überholt sei die Technik, „in einer Sackgasse der Technik-Evolution“. Der Grund: Digitales Radio, das über terrestrische Antennen ausgestrahlt wird, wäre damals revolutionär gewesen, Stichwort kein Rauschen, CD-naher Klang, et cetera. Aber heute, im Zeitalter von Internet am Smartphone und GPS-Navigation und webfähigen Geräten? Nicht vermarktbar sei Webradio, und nur nachgewiesene Reichweiten seien die Eintrittskarte bei (potenziellen) Werbekunden. Übrigens einer der Kritikpunkte am Radiotest, der einzigen Währung, solange nicht die teure Radio-Control-Uhr cofinanziert wird.

Wie können Hersteller und Handel nun Konsumenten überzeugen, DAB-fähige Radios zu kaufen, wenn kaum jemand mehr Radiogeräte kauft? Musikliebhaber hören sowieso ihre Playlisten oder Musik von Community-Webseiten. Überhaupt gilt der Besitz von Geräten immer weniger als Statussymbol. „Nutzen statt besitzen“, propagierte schon Jeremy Rifkin vor zehn Jahren in seinem Buch „The Age of Access“. Wie soziale Netzwerke das Wesen von Besitz verändern, erläutert übrigens das Magazin enorm („Wirtschaft für den Menschen“) in einer interessanten Serie namens „Meins ist Deins 3.0“).

Die Anzahl der Geräte, die mir mein Smartphone dank Apps ersetzt, wächst und wächst. Und verzichten kann ich auf das Gerät schon deshalb nicht mehr, weil ich kein Radio und kein Diktiergerät und keinen Walkman mit mir herumtragen möchte. Ich will am liebsten überhaupt keine Geräte mehr kaufen müssen. Bei mir stapelt sich nämlich Hardware aus den letzten drei Jahrzehnten, die ich eigentlich wegschmeißen müsste.

Interessant dürfte DAB+ sicherlich für andere Betreiber werden. Der bayerische Autobauer BMW ist mit seiner Unit „Connected Drive“ sehr engagiert. Und die Bandbreite dürfte auch für Telcos neue Möglichkeiten schaffen. „Man wird sich sehr genau anschauen, wie sich DAB+ in Deutschland entwickelt“, erklärte neulich ein Radiomanager beim RMS-Sommerfest.

Im vergleichsweise kleinen österreichischen Markt würde ein derartiger Schritt wahrscheinlich noch länger dauern. UKW ist simpel, günstig, und es gibt geschätzte 60 Millionen UKW-Geräte in Österreich. Eines steht hier bei mir am Schreibtisch, ein Radio der (historischen) Marke Nordmende. Hoffentlich muss ich es niemals ersetzen.
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