Bildung? Nein, danke!
 

Bildung? Nein, danke!

#

Jenseits des HORIZONT

Die Parteien, Gewerkschaften, Elternvertreter, Interessenvereinigungen und sonstigen Lobbyisten streiten über die Schulreform. Seit mehr als 30 Jahren schon.

Die Ministerin will mit allen Mitteln die Gesamtschule durchsetzen, der Bundeskanzler wird Kämpfer für die Ganztagsschule und verspricht Millioneninvestitionen. Er befindet sich in schöner Allianz mit der Interessen­vereinigung, die das seit Jahren fordert, die Lehrergewerkschaft mauert – ­scheinbar – und will, dass sich gar nichts ­ändert. Die ÖVP schlingert je nach ­Landeshauptmann und Wünschen der – wiederum scheinbar – konservativen Klientel zwischen vorsichtiger Öffnung zur gemeinsamen Schule der Sechs- bis Vierzehnjährigen mit Förderungs­differenzierungen und der Stärkung von Hauptschule und Gymnasium. Die Familien­ideologen wettern gegen staatliche Einflussnahme auf die Familien und ­Erziehung.

Helikoptermamas und -papas versorgen ihre zu Leistungsschauobjekten ­reduzierten Kinder in Privatschulen, buchen Musikkurse, Kreativitätsseminare und sonstigen – scheinbaren – Förderkram. Sie stehlen ihnen Zeit, zwingen sie in Beschäftigungskorsette, die jegliche Fantasie und ziellose Neugierde killen.
Die deutsche Friedrich-Ebert-Stiftung hat errechnet, dass Kinder heute pro Tag um 40 Minuten weniger freie Zeit haben, obwohl sowohl Eltern als auch Kinder um 20 Prozent mehr Freizeit haben als vor 15 Jahren. Ein Widerspruch?
Über Bildung redet niemand. Über die Lust am spielerischen Lernen, über die Fernräume, die Kinder brauchen, über die strukturelle Zwecklosigkeit von Bildung und den Unterschied zwischen Wissenserwerb und Persönlichkeits­bildung. Bildung ist ziellos. Das stört.

Die Bedürfnisse der Kinder stören.Die Wirtschaft wünscht sich gut ausgebildete Arbeitskräfte und leitet daraus ihre bildungspolitischen Konzepte ab: funktionale Schulen und Universitäten, die nicht Studium sind, sondern Aneignung von Fertigkeiten. Wirtschaft muss funktionieren. Sonst gibt es kein Wachstum und kein Geld für Freizeitkonsum.

Die Parteien – je nach überlebten ­Programmen, die sie einmal geschrieben haben und nicht mehr kennen – projizieren in künftige Schulmodelle ihre kümmerlichen Reste von Welt­anschauung.

Alle reden sie von Chancengleichheit und Durchlässigkeit. Die einen verwechseln Gleichheit mit Gerechtigkeit und vergessen, dass die Ungerechtigkeit die logische Konsequenz der Chancengleichheit ist. Die anderen sprechen von Begabtenförderung und meinen bestmögliche Anpassung an Leistungsan­forderungen der Produktivwirtschaft.

Realität ist, dass seit nahezu 40 Jahren keine der angesagten Bildungsreformen umgesetzt wurde. Dass ein Großteil der Lehrer überfordert ist, Analphabetismus bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erschreckend rasch steigt, die Kluft zwischen gut Gebildeten und ­Bildungsfernen immer breiter wird, das Interesse an politischen und gesellschaftspolitischen Vorgängen sinkt, der soziale Zusammenhalt einer Gesellschaft bröckelt.
Statt interessenloser Bildung herrscht funktionales Desinteresse. Das ist das Versagen der Bildungspolitik. Und ­Wurzel der Krise einer demokratischen Solidaritätsgesellschaft.

[Jenseits des HORIZONT]
stats