Autoprinzip Misstrauen
 

Autoprinzip Misstrauen

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Jenseits des HORIZONT

Wer nach Überwachung ruft, muss ­damit rechnen, selbst überwacht zu werden. Wer totale Transparenz will, verachtet Geheimnis und Individua­lität. Wer Sicherheit um jeden Preis fordert, fordert das Gefängnis. Wer ausleuchtet und screent, muss damit rechnen, selbst ausgeleuchtet zu werden. Nichts Neues gibt es dann mehr zu entdecken.

Die Überwacher wollen absolute ­Sicherheit und Kontrolle und nennen es Prävention. Das ist zynisch. Man will den Menschen vorsorglich von dem abhalten, was er eventuell tun könnte: den vermeintlichen Verbrecher, bevor er etwas getan hat. Den Dieb, bevor er überhaupt die Absicht signalisiert, ­etwas zu stehlen. Den Denker, bevor er denkt. Damit wird jeder zum poten­ziellen Dieb und Mörder.

Eine Gesellschaft, die so handelt und das noch als Bürgerschutz verkauft, ist nicht mehr offen demokratisch, auch wenn sie vorgibt, über derartige Instrumentarien zu verfügen. Sie ist totalitär und menschenverachtend.
Es ist eine Gesellschaft des Misstrauens, die das Misstrauen als Sicherheitsvorsorge tarnt. Es ist eine Gesellschaft der Entsolidarisierung, die von Gerechtigkeit faselt und Nivellierung meint.

Bevor ein Personalchef jemanden vorsprechen lässt, wurde der- oder diejenige digital gescreent. Facebook-Einträge, Tweets, Googles Suchmaschine wird gestartet. Das virtuelle Bild prägt. Wer keine makellose Timeline hat, scheidet aus. Der Mensch wurde bei ­einer Demonstration gesichtet? Mit ­einer Flasche Wein? Ein Zitat entdeckt, das Terror sein könnte? Kommt als ­Mitarbeiter nicht infrage.

Freiheit, Selbstbestimmung, Vertrauen ineinander: Werte, die angesichts der neurowissenschaftlichen ­gebrämten Überwachungsindikatoren nichts mehr wert sind.

Die europäische Kultur ist seit Jahrzehnten auf Vertrauen aufgebaut. Auf – es klingt anachronistisch – dem Glauben an das Gute, Menschliche im jeweils anderen. Damit wurden Werte geschaffen: Friede, kultivierter Umgang miteinander. Zuversicht, Freundschaften und letztlich Solidarität mit denjenigen, die Fehler gemacht haben.

Die Ego- und Selfie-Gesellschaft,  die angeblich Transparenz will, kennt das nicht mehr. Es herrscht das Prinzip des machtorientierten Misstrauens. Grundsätzlich ist jeder eine Bedrohung. Das muss verhindert werden. Nach außen wird kommuniziert: Den Einzelnen will man vor sich selbst schützen. Realiter: Man will ihn beherrschen, entmündigen.

Damit driftet Gesellschaft ausei­nander. Wird Gut und Böse mit Positiv und Negativ gleichgesetzt, mit Erfolg und Nichterfolg. Schönheit und Hässlichkeit.
Onlinedatings statt Kennenlernen. Gescreente Menschen mit gescreenten Eigenschaften treffen gescreente Menschen mit gleichen Eigenschaften. Aufeinander-Zugehen wird zum Ineinander-Spiegeln. Neugierde ist Gier nach der Duplizierung des Selbst.

Wer sicher sein will, hat den anderen vermutlich durchschaut, bevor er ihn zu Gesicht bekommen hat. Und weiß selbst nicht, dass er schon durchschaut ist.
Die Gesellschaft des Misstrauens ist totalitär. Big-Brother-Algorithmus ist ­totalitäre Macht.

[Jenseits des HORIZONT]
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