Ausblick auf das kommende Jahrzehnt (3)
 

Ausblick auf das kommende Jahrzehnt (3)

Kommentar von Walter Braun

Ein Maßstab für das wechselnde ökonomische Glück sind die Bewohner von Prachtgebäuden. Vor einigen Jahrhunderten waren sie dem Landadel vorbehalten, dann kamen erfolgreiche Händler zu Reichtum, gefolgt von den ersten ­Industriellen. Heute werden Villen bemerkenswert oft von Ärzten bewohnt. Was insofern erstaunlich ist, als unsere gestiegene Langlebigkeit hauptsächlich auf bessere Ernährung, bessere Hygiene, bessere Kleidung, bessere Wohnungen et cetera zurückzuführen ist. Lauter Dinge also, die der Markt bereitgestellt hat, die aber herzlich wenig mit der Medizin selbst zu tun haben. Unzählige Milliarden sind in die Krebsforschung geflossen – mit verhältnismäßig mageren Ergebnissen.

Für Arbeitsmarktpolitiker ist dieser lange währende Trend sehr erfreulich: Jedes Wachstum der Medizinbranche ist mit zusätzlichen Arbeitsplätzen verbunden. Für den Versicherungs­zahler ist die Situation weniger angenehm. Ähnlich war die gesamtwirtschaftliche Lage zwischen 1970 und 1990: Zwei Jahrzehnte lang waren die Produktivitätswachstumsraten unterdurchschnittlich. Doch seit dem Beginn des Kommunikationszeitalters in den 90er-Jahren hat sich das merklich geändert: Es ist eine deutlich steigende Produktivität zu verzeichnen, das heißt es wird mit weniger Aufwand mehr hergestellt. Daher die wachsende Jobkrise.

Nun allerdings könnte die Zeit für all die unerfüllten Versprechungen in der Medizin gekommen sein: Nach den vielen ergebnislosen In­vestitionen sind endlich echte Durchbrüche zu erwarten. Dank der explodierenden Computerleistung kann heute das Genom eines Menschen um den Preis von rund 10.000 Dollar binnen ­eines Tages sequenziert werden (zum Vergleich: die erste Genomentschlüsselung benötigte 13 Jahre und drei Milliarden Dollar). Bis Ende nächsten Jahres wird der komplette Gensatz von 100.000 Menschen zu Forschungszwecken gespeichert sein. All dieses Wissen sollte in den kommenden Jahren zu tatsächlich verwertbaren Einsätzen bei der Biotechnik führen. Etwa bei Abwehrstoffen, die intrazellulär ihre Arbeit verrichten. Oder Therapien, die unmittelbar den Wachstumsfaktor von Krebszellen beeinflussen. Antisense-RNA wiederum ist in der Lage, direkt auf der genetischen Ebene einzugreifen und gewisse Funktionen „abzuschalten“. Ein Medikament für Hypercholesterinämie (zu hohe Produktion von „schlechtem“ Cholesterin) wird demnächst auf den Markt kommen. Die Bio-­Medizin hat Jahrzehnte der Reifung vor sich. Ausblick: Die erwähnten ökonomischen Fortschritte sind sehr branchenspezifisch und nicht über die gesamte Wirtschaft verteilt. Eine Folge davon ist, dass Regionen, in denen wachstumskräftige Branchen angesiedelt sind, sich sehr gut entwickeln, während im Rest des Landes die Umverteilungspolitiker dem abgefahrenen Zug zornig hinterherfuchteln. Deswegen drängen zum Beispiel Katalonien und Flandern darauf, sich abzuspalten, während Österreich, Finnland und Deutschland nicht länger dem unproduktiven Süden unter die Arme greifen wollen …

[Walter Braun]
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