Aus welchem Stoff ist die Zukunft gemacht?
 

Aus welchem Stoff ist die Zukunft gemacht?

Kommentar von Walter Braun

Sollte gerade nichts Dringenderes anliegen, würde ich diese Kolumne gerne dazu nutzen, um ein ­wenig beachtetes Nebenthema anzudenken: die Zukunft der Welt. Was braucht es, damit unsere ­Enkelkinder in einer lebenswerten Umwelt aufwachsen? Typische Spontanantwort: Demokratie, Frieden und Wohlstand. Fragen wir weiter: Was fördert diese Entwicklung? Manche meinen Menschenrechte. Andere setzen auf zügellosen Kapitalismus. Sozialisten schwören auf anhaltende Umverteilung. Treten wir noch einen Schritt zurück und fragen: Was ist die Grundbedingung, dass eine Zukunftsvision tatsächlich Wirklichkeit wird? Dass wir alle daran mitarbeiten. Damit dies aber geschieht, braucht es eine bestimmte Voraussetzung. Nein, nicht gelddruckende Zentralbanken oder auflagenerzeugende Bürokratien. Es braucht etwas, über das nie gesprochen wird: moralisches Vorstellungsvermögen.

Alexandra Föderl-Schmid mahnte jüngst im Standard in einem schlecht informierten Kommentar mit strenger Stimme an: „Es gibt nur die Wahl zwischen einer Rückkehr zum Nationalismus und einer Transferunion.“ Wann sind eigentlich die Bürger Europas interviewt worden, ob sie ihre Nationen aufgeben wollen? Wann hat man die Zahler des Nordens befragt, ob sie auf ewig den Süden subventionieren wollen? Das ist weder eine finanztechnische noch juristische oder politische Frage, sondern eine moralische: Welche Art von Europa sind die Bürger willens, in ihren Herzen mitzutragen? (Letztlich ist es ihre Arbeit und Opferbereitschaft, die jegliche politische Utopie ermöglicht.)

Um die mögliche Zukunft der Welt ging es auch in einem Vortrag von Erik Peterson vom Beratungsunternehmen A.T. Kearney, das alljährlich eine Art sommerliches Gegentreffen zu Davos veranstaltet. Der Stratege stellte vier denkbare Entwicklungen vor, vom globalen Zusammenbruch bis zum kapitalistischen Paradies. In diesen Szenarien hängt viel davon ab, wie die Spitzen­politik die Weichen stellt. Ist das aber wirklich der Fall? Oder ist es nicht vielmehr so, dass mit dem Aufkommen von weltumspannenden Medien und personalisierten Kommunikationstechnologien der Spielraum der Politik täglich schrumpft? Föderl-Schmid ist vom alten Schlag, wo Politik von oben herab anbefohlen wird. Schon möglich, dass Autoritarismus die Zukunft prägt. Aber sicher ist, dass die Menschen etwas anderes wollen: Mitsprache, Ehrlichkeit, Transparenz statt großer Sprüche und wolkiger Zukunftsfantasien.

Im Endeffekt hängt alles davon ab, welcher Geist ganz unten am Boden vorherrscht: „Wir sitzen alle im gleichen Boot“ oder „Wir gegen den Rest der Welt“? Wenn griechische Lokalpolitiker die Leute mit der Warnung aufheizen, die Deutschen wollten Europa übernehmen, dann drückt sich mächtiger Zorn in brennenden Straßen aus. Welche Welt wir morgen haben, hängt vornehmlich davon ab, welcher Ethik wir folgen. Nicht bloß die oben in ­ihren Sonntagsreden, sondern jeder Einzelne in seinem tagtäglichen Verhalten. Die Welt von morgen wird nur gut sein, wenn der Charakter der Menschen gut ist …

[Walter Braun]
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