Aus Sydney für Europa, aus Mumbai für L.A.
 

Aus Sydney für Europa, aus Mumbai für L.A.

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Jenseits des HORIZONT

Die deutsche Welt hat nach einer ­Testphase von drei Monaten vor Kurzem eine Redaktion in Sidney eröffnet. Das ist nichts Bemerkenswertes. Man könnte meinen, das Qualitätsblatt wolle in Zukunft intensiver und authentischer über die Ereignisse im Pazifik berichten. Bemerkenswert ist, dass die neue Redaktion eine andere Aufgabe hat. Sie soll – aufgrund der Zeitverschiebung – rascher, besser über deutsche Innenpolitik und aktuelle Ereignisse in Europa berichten. Schließlich ist bei uns Mitternacht, wenn in Australien der Tag beginnt.
Eine Internetredaktion muss rund um die Uhr arbeiten. Nachtstunden in ­Europa sind teuer. Die TV-Channels und Nachrichtenagenturen kann man in Australien auch beobachten. Absurd? Aus Sidney Kommentare zur deutschen Innenpolitik, zum Infight zwischen Gabriel und Steinbrück, zu den Verkehrsunfällen auf nächtlichen Autobahnen?

Diverse US-Zeitungen haben ihre ­Redaktionen nach Indien ausgelagert. Weil die „Schreibarbeiter“ dort billiger sind. Recherchieren kann man in Indien ebenso gut wie in Sacramento oder New York. Sportsender experimentieren bereits mit semantischen Maschinen, die Resultate nicht nur zusammenfassen, sondern auch kommentieren: aus einem vorgefertigten Kanon von Standard­sätzen. Medien – insbesondere 24/7-Online-Medien – müssen oder wollen Just-in-Time-Berichterstattung garantieren: sekundenschnelle Kommentare aus der Hüfte für ihre User.

Die Revenues sind gering bis unzu­reichend. Selbst die knapp 50.000 Pay-Abonnenten, welche die Welt erfreulicherweise gewonnen hat, bringen pro Jahr lediglich einen mittleren einstel­ligen Millionenbetrag. Das entspricht dem Insertionsvolumen einer durchschnittlichen Tagesausgabe. Also sparen Medien: im Vertrieb und mittlerweile bei den scheinbar teuersten Ressourcen, den journalistischen Mitarbeitern. Man geht dorthin, wo die Löhne gering und die Zeitunterschiede groß sind. Perversion einer fehlgeleiteten Globalisierung.
Die ökonomische Krise wird zur Krise des Journalismus. Das ist eine gefähr­liche Spirale. Und ein offensichtlicher Widerspruch zu vielen Auguren, die da meinen: Es kommen goldene Zeiten für den Journalismus und die Qualitäts­medien, weil sie sich endlich vom ­„alten“ Papier emanzipieren können.

Wir erinnern uns an den Fall Nokia. Nokia verlagerte die Produktionsstätten sukzessive von einem Billiglohnland ins andere: Bochum, mit großzügigen Zuschüssen künstlich attraktiviert, wurde zu teuer, man ging nach Rumänien und eröffnet dort erst gar nicht, weil inzwischen auch dort die Löhne gestiegen sind. Mittlerweile hat Nokia den Anschluss verloren und steckt in der Krise.
Qualitätsjournalismus ist nicht Frage der Lohnkosten. Guter Journalismus – für gute Medien – muss teuer und ge­haltvoll sein. Sonst kann man gleich ­No-Comment-TV einsetzen. Wander­arbeiter gibt es in China. Sie leben unter dramatischen Konditionen. Wanderjournalismus sollte es nicht geben. Und wenn, dann um etwa eine tief greifende Reportage über Wanderarbeiter zu ­schreiben. Das braucht Zeit und Geld, Know-how, Wissen und auch Talent. Das muss es den Medien wert sein –sonst sterben sie früher, als sie meinen. Auch mit der Billigredaktion in Indien.

[Jenseits des HORIZONT]
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