Auf den Handel gekommen
 

Auf den Handel gekommen

Kolumne von Walter Braun

Die schlechten Verlagsnachrichten reißen nicht ab. Eben vermeldet der britische Arm von Rupert Murdochs News-Medienreich, dass sie über 100 Journalisten entlassen müssen, da die Werbeeinnahmen im Vorjahr mager waren. Und der chronisch defizitäre Guardian setzt mehr als 100 Schreiberlinge an die Luft, da die angepeilten digitalen Wachstumsraten nicht erzielbar waren.
Was tun? Es scheint, als würde eine alte Idee wiederbelebt – Verleger versuchen sich als Händler. Fachmedien, die auch als Messeveranstalter agieren, betätigen sich schon länger in dieser Richtung. Bei Tageszeitungen ist es eher unüblich, obwohl einige ihre Wochenendbeilage dazu benutzen, um sich ein wenig im Versandhandel (zum Beispiel mit Büchern) zu engagieren.

In einer Trendumfrage, die der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger gemeinsam mit der Unternehmensberatung Schickler durchführte, wurde von einer Mehrzahl der Verlage E-Commerce als Hoffnungsgebiet genannt. Als Begründung ­gaben sie an, sie fühlen sich in Fragen lokaler Marktplätze und Logistik kompetent. Ob sie sich da nicht übernehmen? Als Adressenvermittler und Kuponversender zu agieren, ist eine Sache. Eine ganz andere, selbst Waren zu verschippern.

Dass Onlinemedien sich jetzt als Tandler versuchen wollen, kommt nicht völlig überraschend angesichts mickriger Tausendkontaktpreise im Internet und dem allmählichen Wegbruch des Traditionsgeschäfts im Bereich Print. Es gibt im Grunde zwei Modelle. Das einfachere beruht darauf, in Artikel Links zu Geschäftspartnern einzubauen, wofür Verleger im Falle eines Verkaufserfolgs einen kleinen Anteil am Umsatz erhalten.

Das komplizierte Geschäftsmodell ist erheblich aufwändiger. Die Website Popsugar führte ein monatliches Abo um 40 Dollar ein, das der weiblichen Kundschaft Überraschungspakete im Wert von 100 Dollar verspricht. Marketing, Merchandising und Kundendienst werden intern abgewickelt. Selbst der Großverlag Condé Nast ist sich nicht zu gut für Einzelhandel dieser Art und offeriert eine Schönheitsschachtel „Allure Beauty Box“ um 15 Dollar im Monat. 30.000 Abonnenten reichen als Zusatzgeschäft.

Die britische Magazingruppe Dennis Publishing gibt sich nicht mit solchem Kleinvieh ab – sie verkaufen ­Autos, neue und gebrauchte. Zwei einschlägige Magazine, Auto Express und CarBuyer, erleichtern das Marketing, was aber bei weitem nicht reicht. Also erwarb der Verlag den etablierten Anbieter buyacar.co.uk. Ein reichlich komplexes Unterfangen mit angegliederten Autohändlern. Selbst bei Kreditvergaben verdienen sie mit. Im vergangenen Jahr setzten sie 1.500 Vehikel ab, heuer sollten es zumindest doppelt so viele werden.

Fazit: Onlinehandel ist für Verleger machbar; aber in einer Zeit, wo das im Vertrieb nahezu perfekte Amazon die Latte bei Kundenerwartung sehr hoch gelegt hat, ist das kein einfaches Geschäft.

[Walter Braun]  
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