Auf dem digitalen Jahrmarkt der Eitelkeiten
 

Auf dem digitalen Jahrmarkt der Eitelkeiten

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Jenseits des HORIZONT

Im monatlich veröffentlichten Twitter-Ranking dominieren Journalisten: allen voran der Starmoderator des ORF und weitere Chefredakteure, die Twitter dazu nutzen, ei­nander zu kommentieren, dritte Kollegen ironisch auszurichten, über Facts und die Welt und die Politik zu „spinnen“, wie sie wohl meinen. Die Klatschbörse der tratschhaften Schreiberlinge.

Schulklassenniveau der verschämten Raucher, die sich im Kammerl trafen. Das Kammerl ist mittlerweile der Social Trashroom. Und der ist öffentlich: Dessen scheinen sich diejenigen, die tratschen, nicht bewusst zu sein in ihrem Auto-inamoriert-Sein. Gerade die, die wissen sollten, was Massenmedien sind und was sie ausrichten können.
Wir sind nicht mehr in gepflegt verkommenen Literaten- und Me­diensalons des 19. Jahrhunderts. Wir sind auf der öffentlichen Slam-Bühne.

Die Hobby-Twitterer verraten natürlich Geheimnisse, auch Berufsgeheimnisse oder Gerüchte. Twitter ist mittlerweile die unverblümte Vorwegnahme von heißen Meldungen, Storys, scheinbaren Aufdeckungen.
Und damit an der Grenze der Illoyalität dem Unternehmen gegenüber, in dem diese Journalisten arbeiten. Sie plaudern diskret und gut codiert Betriebsgeheimnisse aus, entfachen Gerüchte, alles unter ­einer Dunstglocke des „international Speech“.
Zu Recht hat sich der ORF-Generaldirektor die Frage erlaubt, ob seine Mitarbeiter ungefragt betriebliche Angelegenheiten oder in Vorbereitung befindliche Storys und Themen über Twitter verbreiten und kommentieren dürfen.

Als Privatpersonen könnten sie tun, was sie wollen, solange es nicht gegen Usancen des Anstandes verstößt. Die Popularität des Massenmediums für die eigene Selbststilisierung zu nutzen, hat mit Anstand nichts mehr zu tun. Das ist grenzwertig.
Man schadet dem Unternehmen. Der Branche.
Twitter-Tratsch findet immer häufiger seinen Niederschlag in anderen Medien – das wissen auch die, die solche Kommentare publizieren. Das wissen andere Medien, die das sofort verwerten. Sie haben die Schlagzeile.

Wettbewerbsverzerrung nennt man das. Ausgerechnet jene, die im Wettbewerb das eigene Medium stärken sollten, schaden ihm.
Die eifrigen Twitteranten, beflügelt von tratschhaftem Mittelmaß und maßlosem Ehrgeiz – befeuern den Jahrmarkt der Eitelkeiten, den sie sonst kritisieren: Selbstverständlich nicht online, sondern konven­tionell in den Medien, in denen sie ­etwas zu sagen haben.
Haben sie immer noch nicht begriffen, was soziale Medien sind? Oder wollen sie es nicht in ihren ­geschützten Werkstätten?
Was Verantwortung ist, scheint ­ihnen gleich.
Ihren Gehaltszettel haben sie nicht veröffentlicht.
Den Lohn nehmen sie monatlich ohne Scham entgegen.

[Jenseits des HORIZONT
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