Amtsmissbrauch-Journaille
 

Amtsmissbrauch-Journaille

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Editorial von Hans-Jörgen Manstein

Geht es Ihnen auch schon so dermaßen auf die Nerven wie mir? Halten Sie es auch nicht mehr aus, im Stunden-, Tages- und Wochentakt von sogenannten „Enthüllungen“ belästigt zu werden? Können Sie die Wörter zugespielt, pikant und brisant auch nicht mehr lesen, ohne dass Sie sich berechtigte Sorgen um die rechtsstaatliche Kultur Österreichs zu machen beginnen?

Kurz und gut: Glauben Sie auch, dass Herren wie Klenk, Nikbakhsh, Kuch oder Sankholkar eine Gefahr für die Zukunft des Journalismus in diesem Land sind – so absurd das auf den ersten Blick auch klingen mag ? Wenn Sie eine dieser Fragen mit einem JA beantworten können, dann sind Sie in dieser Kolumne richtig. Wenn Sie alle Fragen mit NEIN beantworten können, dann sind Sie erst recht richtig, denn dann bedürfen Sie offensichtlich der verständnisvollen Belehrung.

Beginnen wir am besten ganz am Anfang. An der Wiege des sogenannten investigativen Journalismus im neueren Österreich standen Herr Ingenieur – später Professor Ingenieur – Alfred Worm und der AKH-Skandal. Damals, wir sprechen von den ganz frühen 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, hatte ein Mann im Alleingang wesentlichen Anteil daran, einen der größten Korruptions-Sümpfe trockenzulegen. Allein das rechtfertigt – ungeachtet seiner späteren mannigfachen und wohl auch krankheitsbedingten Entgleisungen – die Stiftung eines Preises für Enthüllungsjournalismus, der seinen Namen trägt. Was hat dieser Mann getan? Einfach gesprochen, Folgendes: Er hatte, ganz in der Tradition der Watergate-Aufdecker Bob Woodward und Carl Bernstein, gründlich recherchiert. Über Monate. Und er versorgte mit den Ergebnissen seiner Knochenarbeit die Behörden mit jenem Wissen, das sie in die Lage versetzte, Anklagen zu erheben und Verurteilungen zu erzielen.

So weit, so gut, richtig und vor allem wichtig. Welche Enthüllungen aber haben wir von den heutigen Enthüllungsjournalisten zu erwarten? Was haben sie bis jetzt geleistet? Ich will es Ihnen sagen: Die Herrschaften haben im Wesentlichen darauf gewartet, und warten nach wie vor darauf, wer in den Zimmern für Geheimnisverrat und Amtsmissbrauch gerade Journaldienst hat.

Und so lesen sich auch die Geschichten. Logischerweise. Denn Enthüllungen von Dingen, die den Behörden bereits bekannt sind und von den Behörden kommen, haben zwei entscheidende Nachteile: Zum einen bringen solche Enthüllungen gar nichts – eben, weil sie den Ermittlungsbehörden ohnedies schon bekannt sind. Sie führen höchstens dazu, dass keine fairen Prozesse mehr möglich sind. Oder glauben Sie, dass es in diesem Land einen Schöffen gibt, der Leuten wie Grasser, Hochegger, Meischberger oder Petrikovics auch nur halbwegs unvoreingenommen gegenübertritt? Wohl nicht. Ob irgendjemand von denen persönlich sympathisch oder eher ein Ungustl ist, hat nicht zu interessieren.

Das Totschlag-Argument der Enthüllungs-Junkies, dass nämlich ohne ihre Veröffentlichungen alles unter den Tisch gekehrt würde, darf nicht gelten. Das würde nämlich bedeuten, dass die Blüte unseres Journalismus, die sich Jahr für Jahr (die Peinlichkeitsgrenze überschreitend) Auszeichnungen verleihen lässt, der Justiz – vom Minister abwärts – kollektiv Amtsmissbrauch unterstellen würde. Womit wir schon beim zweiten Punkt wären: Die meisten der in den üblichen Enthüllungsmedien abgedruckten Papiere sind unter Begehung der strafbaren Handlung des Amtsmissbrauches (§ 302 Strafgesetzbuch) zustande gekommen. Viele der Journalisten, die dieses Geschäft bestreiten, tun dies zumindest als Beitragstäter. Ich fürchte, oft sind sie sogar Bestimmungstäter.

Unvergessen etwa die renommierte Presse-Wirtschaftsredakteurin Hedi Schneid, die in einer TV-Talk-Show die Beamten unverhohlen aufforderte, „Papierln an die Redaktion zu schicken“. Da fehlen einem dann die Worte. Die Ausrede, auf der Seite der sogenannten „Guten“ zu stehen, darf dabei nicht gelten. Denn wer bestimmt eigentlich, wer die „Guten“ sind? Ich darf daran erinnern, dass durch das Comité de salut public (den sogenannten Wohlfahrtsausschuss) des Herrn Maximilien Robespierre während der Französischen Revolution Hunderttausende zu Tode kamen. Im Namen der „Guten“. So weit sind wir – Gott sei Dank – noch lange nicht. Aber wer weiß? Vor allem: Welchen moralischen Anspruch hat jemand, der – um genau diesen Anspruch zu erfüllen – die Gesetze systematisch bricht? Eben.

Und weiter: Was machen all die heutigen Journalisten, wenn die Skandale vorbei sind und auf einmal keine Ermittlungsakten und Ähnliches mehr da sind, die weitergegeben werden können? Nichts mehr. Sie haben nämlich dann das Arbeiten gründlich verlernt. Das ist der dritte Vorwurf: Durch das Degradieren des journalistischen Berufes zum selbstgerechten Warten auf den Amtsmissbrauch ruinieren sie auch gleich den ganzen Berufsstand. Das sollten alle, die es angeht, vielleicht bei den Lob- und Hudelreden anlässlich der nächsten Journalistenpreisverleihung bedenken.
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