Amazonisierung der Welt?
 

Amazonisierung der Welt?

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Jenseits des HORIZONT

„Sie haben ‚Schlafwandler‘ bestellt. Ihnen könnte auch ‚Preußen. Aufstieg und Niedergang‘ oder ‚Juli 1914: Eine Bilanz‘ gefallen. Und inspiriert von Ihren Stöber-Trends: ‚Warum ich kein Christ bin‘.“ Dieses und Ähnliches schlägt Amazon vor, merkt sich schließlich Einkäufe und „kombiniert“. Klingt wie Nick Knatterton.

Julia Jäkel hat vor wenigen Tagen die Neustruktur von Gruner + Jahr vorgestellt. Sie liest sich wie eine Amazon-Empfehlung. Es gibt sogenannte „Communities of Interests“: Family, Food, People & Fashion, News (zum Beispiel Stern und wahrscheinlich auch News in Österreich), Women und Living. Liest sich wie das Sortiment eines Concept Stores. Alles, was gefällt, ist schön geordnet. Es gibt keine Titel mehr, sondern ­Lebenswelten. Ein Magazinverlag als Abbild der Interessenswelten der Kon­sumindustrie. Unter ferner liefen gibt es auch Wissen. Man muss ja schließlich mitreden. Gruner + Jahr wird die Redaktionen bündeln, es gibt übergreifende Redaktions- und Marketing-Units. Hunderte Millionen werden ins Online-Business investiert, das von Gruner + Jahr jahrelang verschlafen wurde. Es gibt künftig Digital Publishers und Digital Business Directors als Gesamtverantwortliche. Klingt toll. Jeff Bezos hat bei der Übernahme der Washington Post die Mitarbeiter aufgefordert, etwas lockerer und frecher zu sein. Ihm schwebt – und er bekennt sich wieder zum bedruckten Papier als Neben­sache – eine Zeitung vor, die zielgerecht auf die Wünsche der Leser eingeht. Ganz à la Amazon. Das machen mittlerweile viele scheinbar erfolgreiche Mix-Konsumprodukte von Fokus bis Bunte. „Sie wünschen, wir spielen …“

Dagegen ist nichts einzuwenden. Unternehmen müssen verdienen und den Wünschen des Marktes nachkommen. Wir reden aber von Medien. Und damit vom Ende ihres Selbstverständnisses. Vom Abstreifen der Autonomie. Medien sind grundsätzlich nicht Dienstleister, im Gegenteil: Kritische Beobachter und Analytiker dessen, was sich ereignet, ereignen könnte. Medien sollten Themen schaffen und nicht Bedürfnissen nachhecheln. Gegenwelten sein. Sonst sind sie nicht mehr Medien, ­sondern Transmissionsdienstleister. ­Deskriptoren von Konsumträumen mit Beleg- und Versatzstücken: da eine Videosequenz, dort eine Fotostrecke. Rihanna bei der New York Fashion Week, die Gala der Filmstars bei den US Open et cetera.

Digital Business ist die eine Sache – und für viele Medienkonzerne wahrscheinlich eine Chance des Überlebens in Zeiten des Konsumistisch-Narrativen. Mit den Konsequenzen: Der Algorithmus ist der Herausgeber und Chefre­dakteur. Der Leser ist der Ideen- und Wünschelieferant, der auch noch dafür bezahlt, dass er seine scheinbaren ­Bedürfnisse preisgibt. „Sie könnte auch interessieren …“ Die allgemeine bunte Bedürfnisanstalt Verlag, die nebenbei auch diverse Plattformen für Online­handel und Vermittlung von Reisen aller Art und Beziehungskisten von A bis Z ­betreibt, kommt den Wünschen des Konsumenten nach. Consumer ist Hero. Oder Hirsch, je nachdem. Die Amazonisierung hat längst auch die Politik erfasst. Sie lässt fragen, was das Volk will. Und passt sich an. Die Erfüllungspolitik der Umfragen wird zum Politikmanagement. Visionen gibt es nicht mehr. Die kann man ja nicht abfragen. Wozu also Politik? Amazon weiß es besser.

[Jenseits des HORIZONT]
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