Amazon dehnt sich aus
 

Amazon dehnt sich aus

Kolumne von Walter Braun

Angenommen, ein 31-Jähriger mit kaum vorhandem Eigenkapital stellt sich in Linz auf die Landstraße und erklärt: „Hier verkaufe ich Bücher und hänge noch so viele Geschäfte in ­anderen Branchen dazu, bis ich der größte Einzelhändler der Welt bin.“ Man würde dieser armen Person ­einen Stuhl und eine Tasse Tee anbieten und vielleicht eine Ambulanz ins Wagner-Jauregg Spital anfordern. Aber 1995 war’s möglich für ein Genie namens Jeff Bezos, dessen Geldgeber nie auf kurzfristige Gewinne drängten, sondern seine Vision von einer langfristigen Eroberung aller Marktplätze teilten.

Exakt 20 Jahre später schockierte Amazon die Finanzwelt mit ­einer unerwarteten Meldung: ­Gewinn. Und 20 Prozent Umsatz­zuwachs auf 23,2 Milliarden Dollar im zweiten Quartal. Nach Börsenschluss stieg die Amazon-Aktie um über 16 Prozent, was Gründer Jeff Bezos über Nacht um vier Milliarden Dollar reicher machte. Und Amazon an der Börse die gigantische EH-Kette Walmart überrunden ließ.

Bezos sagte einmal, er könne nur dann 200-Milliarden-Dollar Umsatz erzielen, wenn Food und Mode dazukommen. Genau das geschieht zurzeit. In den USA gibt es bereits den ­Zustelldienst „Amazon Fresh“. Im trendigen Londoner Stadtteil Shoreditch wiederum hat gerade ein 4.270 Meter großes Fotostudio, das pro Jahr eine halbe Million Kleiderbilder produzieren soll, die Pforten geöffnet. In den USA, schätzt ein Finanzdienst­leister, sollte Amazon bereits 2017 der größte Kleiderhändler des Landes sein.

Das Web hätte eigentlich eine ­direkte Kommunikation zwischen Markenartiklern und Endverbrauchern ermöglichen und die Funktion des Mittlers reduzieren sollen – plötzlich sind Mittler groß und mächtig wie nie. Der Grund, den jeder übersehen hat: die irr­sinnige Warenvielfalt. Allein Nike hat über 90.000 Produkte gelistet.

An der Marketingfront war die Einführung eines „Prime“-Kundenklubs ein echter Geniestreich. Für eine ­bescheidene Jahresgebühr erhält man nicht nur raschere Zustellung (gratis), sondern Zugang zu einer Reihe von Angeboten, etwa Videoausleihe via Streaming, zu der im Laufe der Zeit noch Musik sowie eine Ausleihe von Digitalbüchern gekommen ist. Obwohl mittlerweile die Mitgliedsgebühr auf 100 Dollar pro Jahr geklettert ist, nimmt die Teilnehmerzahl weltweit rasant zu. Schätzungen von Analysten zufolge geben Prime-Mitglieder erheblich mehr bei Amazon aus als Nicht-Mitglieder.

Da die Prime-Abonnenten vor ­allem Video begehren, ist Amazon in die Film- und TV-Serienproduktion eingestiegen. Bis 2020, schätzte ein Finanzanalyst, könnte die Hälfte der US-Haushalte Prime-Mitglied sein.
Am 15. Juli gab es einen organisierten Abverkaufstag, den ersten „Amazon Prime Day“ – fast 400 Produkte wurden jede Sekunde geordert (in Summe 34,4 Millionen). Dieser global ausgerichtete Verkaufstag war größer als der bekannte „Black Friday“ im Herbst. Ein breiter, alles verschlingender Strom, dieser Amazonas.

[Walter Braun]  
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