Am offenen Grab der vierten Gewalt
 

Am offenen Grab der vierten Gewalt

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Editorial* von Hans-Jörgen Manstein

Vom Mut zu Visionen, so lautet der Titel der Medientage, und dazu fehlen uns im Augenblick zwei Dinge: erstens Mut und zweitens Visionen. Visionen sind nämlich weit und breit keine zu sehen. Mut – ganz nebenbei bemerkt – auch nicht. Allzu mutig waren wir ja nie in Österreich. Und Visionen hatten wir schon lange nicht mehr. Mut zu Visionen erfordert Tatkraft, Entscheidungsfähigkeit und natürlich auch – Willen. Kurz gesprochen: Führungsstärke und Bereitschaft. Schon Franz Grillparzer, der sich seine Gesellschaftskritik aus der gut abgesicherten Beamtenposition heraus leistete (ein typischer Österreicher also), sprach das endgültige und vernichtende Verdikt: „Das ist der Fluch von unsrem edlen Hause – auf ­halbem Weg und halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.“ Wir müssen uns an dieser Stelle daher ernsthaft die Frage stellen, ob Grillparzer bereits im 19. Jahrhundert eine Vorstellung zu Faymann, Spindlegger & Co. hatte. Aber: Er war wenigstens verdeckter Revolutionär und Patriot. Die sucht man heute.

Visionslos ist aber nicht nur die Politik. Der guten Ordnung halber muss ich aber festhalten, dass wir – die Medienmacher – um nichts besser sind. Wir leben der Politik nicht vor, wie es besser gehen könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Wir hecheln ihr nach. Denk ich an die Medien, dann fallen mir anstatt von Visionen Schreibsklaven ein. Ein prominentes und nebenbei auch gut gehendes Magazin zahlt einem Journalisten für eine Geschichte, die vier Recherchetage, zwei Schreibtage und unzählige Stunden für die Ausstattung umfasst, sage und schreibe 1.000 Euro. Diese Summe gilt in der heutigen Medienrealität sogar noch als „gutes Honorar“. Es ist niederträchtig. So weit sind wir in der Entlohnung geistiger Leistung gekommen. Die freien Mitarbeiter des ORF sahen sich genötigt, vor Kurzem in einem moderat verfassten Protestbrief auf ihre unerträgliche Situation aufmerksam zu machen. Und diese lautet sehr einfach: In Österreich können qualifizierte Journalisten vom Einkommen aus ihrem Beruf nicht leben! Die Antwort kam prompt. Der Brief sei „rotzig und unsensibel“, ließ der ORF verlauten. Ohne freie Mitarbeiter hätte der ORF aber kein Qualitätsprogramm: kein Ö1, keine kritischen Magazine. Sondern gut bezahlte Selbstinszenatoren. Mut- und Visionslosigkeit und vorauseilender Gehorsam haben die Medienlandschaft in Österreich in die heutige Situation geführt. Mut- und Visionslosigkeit der Politik haben unsere Demokratie so weit gebracht, dass das Parlament nur mehr Abnickungsmaschine ist.

Welche Visionen hatten wir Medienunternehmer denn? Hatten wir eine Vorstellung, wie wir mehr Qualität in die Medien bringen? Oder trieb uns wohl eher die Vorstellung, noch mehr Inserate der öffentlichen Hand als Überlebensbasis zu lukrieren? Hatten wir die Vision von Medien, die dem Konsumenten auch in irgendeiner Weise nützen? Ihre Werte vermitteln? Hatten wir die Vision von Medien, die das Land vielleicht sogar braucht? Als Stachel? Als Imitation? Als Spiegel? Und Widerspiegel? Nein – hatten wir nicht. Diesen Mut zu Visionen hatten wir mitnichten. Stattdessen hatten wir die Vision von Zielgruppenab­deckung zur Inseratenoptimierung. Daher wurde es auch völlig egal, ob die Medien gekauft werden – oder verschenkt. Ob Medien eine Mission haben oder ein Marketingprodukt sind. Auf diese Weise kam uns das Gespür für den Inhalt abhanden, der allein ein Medium rechtfertigt. Heute mehr als je zuvor.

Mittlerweile ist Inhalt zum Content degradiert. Zu Ware oder, wie es der Geschäftsführer einer Gratis­wochenzeitung so entwaffnend formulierte: zum Auffüller, da konnte auch wirklich der letzte empathische Mensch sehen, dass uns Visionslosigkeit an das offene Medien-Grab geführt hat. Da helfen auch keine Redaktionszusammenlegungen zwecks Hebung von Synergieeffekten. Und da, meine Damen und Herren, stehen wir hier und heute: am offenen Grab dessen, was man stolz „die vierte Gewalt“ nannte. Die Frage ist nur, wer macht den Totengräber, der es endgültig zuschaufelt. Vielleicht die, die pausenlos das Wort „Qualitätsjournalismus“ im Munde haben? Ist Ihnen aufgefallen, dass seit einiger Zeit nie Chefredakteure, die wissen, wovon sie sprechen, sondern immer Geschäftsführer und Herausgeber von teilweise branchenferner Herkunft über Qualität, Inhalt und Medienphilosophie urteilen?

Aber keine Angst, sollte das passieren, sollten wir diese gar schöne Medien-Leich’ begraben, dann können Sie in einer Sache sicher sein: Die größten Kränze mit den goldgestreiften Schleifen werden von den visionslosen Politikern geopfert, die nicht wissen, was sie tun. Von jenen Politikern, die es zugelassen ­haben (dass sie es vorsätzlich taten, will ich denn doch nicht glauben), dass die Presseförderung in den letzten Jahren halbiert wurde. Ich wette, dass alle die Geschäftsführer, die von den Verlagen immer neue und immer unrealistischere Renditen fordern (gut Einstelliges bis Zweistelliges in diesen Zeiten – wie viel Realitätssinn muss man dafür gegen Menschenverachtung eingetauscht haben!), neben den Politikern stehen werden, den Bonus schon kassiert haben und sich vor dem Leichenschmaus aus dem Staub machen. Was sie verkaufen, ist denen nämlich egal. Schlimmstenfalls auch ausrangierte Politiker.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Profit ist wichtig, aber: Profit ist kein Ersatz für Visionen. Und schon gar nicht Voraussetzung. Wer das nicht erkennt, wird – mangels Vehikel – bald keine Gewinne mehr machen. Und keine Werte schaffen. Das sei auch den Eigentümern der Austria Presse Agentur ins Stammbuch ­geschrieben, die von einem gewinnbringenden Unternehmen noch höhere Renditen fordern und zu diesem Zweck eine massive Einsparung bei den Redaktionskosten verlangen. Was insofern nicht ganz zu Ende gedacht ist, als die Medien ja zu 90 Prozent von APA-Meldungen leben. Man würgt sich selbst ab, was man braucht. Die Desinformation erstickt am eigenen Wust. Und begräbt alles. Dennoch. Der Blick ins Grab sollte uns noch einmal zurückschrecken lassen. Und aufblicken lassen. Wir haben ja nicht alles verloren. Die Hoffnung nicht. Und wo Hoffnung ist, ist auch Vision. Und die heißt: zurück. Zurück zu den Radizes. Radikal. Politik soll politisch sein. Im Sinne des Politischen und nicht des Politikmanagements. Medien sollen gestalteter Inhalt sein: transparent, polemisch, aufklärend, pädagogisch, auch unterhaltend, ja. Aber vor allem: hinterfragend. Es kann doch nicht so schwer sein. Ehrlich. Aufrichtig. Zurück zu den Wurzeln. Wo die Vision wieder Blüten austreiben kann. 

*Dieser Text ist Teil der Eröffnungsrede von Hans-Jörgen Manstein bei den 19. Österreichischen Medientagen am 25. September 2012.

[Hans-Jörgen Manstein]
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